02.01.2013

Saniye Ilter-Sarkan: Lösungsansätze

Saniye Ilter Sarkan ist in ihrer Position als Senior Associate bei Paul Mitchell Trend- und Markenbotschafterin und seit 2009 Geschäftsführerin des PM-Flagship-Stores "Insider of Hair" in Wien. Geboren als Kind türkischer Gastarbeiter und aufgewachsen in Neunkirchen/NÖ und Wien war die Lehre zur Friseurin anfangs eine Entscheidung äußerer Umstände, welche später zur absoluten Leidenschaft und persönlichen Entfaltung wurde. [i]Akt. Funktionen:[/i] - Trainerin bei Paul Mitchell (Senior Associate) - Salonchefin "Insider of Hair" | 5 MA | 1 Marketingassistentin

Friseurin - dein Traumjob von Anfang an?
Ich sag mal so: Meine Eltern waren klassische Gastarbeiter aus der Türkei, die in den 70er Jahren nach Österreich kamen. Ich habe 5 Geschwister, bin hier geboren und aufgewachsen, auf dem Land, in Niederösterreich. Bei uns zu Hause wurde türkisch gesprochen, ich bin nie in einem Kindergarten gewesen, deutsch habe ich erst in der Schule gelernt. Für ein Migranten-Kind ist das schwer. Du lernst die Sprache nicht so gut, bzw. so spät. Also kommst du automatisch gleich in die Hauptschule und dort auch gleich in den B-Zug. Da sind gewisse Entwicklungen einfach vorprogrammiert.

Würdest du sagen, dass da bei Zugewanderten Potenzial auf der Strecke bleibt?
Das kann ich schlecht sagen. Vielleicht schon. Aber ich denke, dass es die jungen Migranten heute auf der einen Seite vom Start weg einfacher haben, als wir damals. Und auf der anderen Seite machen viele junge Leute der 2. und 3. Generation nichts daraus und das finde ich schade.

Du selbst hast deine Chancen genutzt: Topstylistin, Salonchefin…
Bei uns damals in der Klasse wurden die einen Mädchen Friseurinnen und die anderen gingen auf die Modeschule. Ich wollte Friseurin werden. Obwohl es da schon Mädchen gab, die sagten: “Werd nicht Friseurin. Geh doch lieber auf die Modeschule!“ Ich hab mich für die Friseurlehre entschieden und das nie bereut. Ich liebe das, was ich mache und ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe: Ich bin Friseurin, Mutter, Österreicherin mit türkischen Wurzeln, Trainerin, Unternehmerin. Ich habe zwei Kinder und bin Alleinerzieherin und ich habe mir alle meine persönlichen Freiheiten erkämpfen müssen. Die Leidenschaft zu meinem Beruf steht natürlich im Vordergrund – Geld hingegen spielt in meinem Leben eine nachrangige Rolle. Mir geht es gut und ich mag es, nicht jedes Geldstück einzeln umdrehen zu müssen.

Aber deine beruflichen Anfänge waren eher schwierig. Wie bist du damit umgegangen?
In meinem ersten Lehrjahr war ich sehr unglücklich. Ich hab in einem kleinen Geschäft gelernt und hatte das Gefühl, ich kann es weder der Chefin noch dem Chef recht machen. Jeder wollte, dass ich die Dinge auf seine Weise mache. Damals war ich oft verzweifelt. Aber wenn etwas nicht passt, dann bringt es nichts. Oftmals füllen Menschen eine ihnen zugeteilte, zumeist nicht ganz freiwillige Rolle aus und leben nicht ihren persönlichen Traum, der ihnen Spaß macht. So, als würde man zum Beispiel eine Partnerschaft nur der Kinder zuliebe aufrechterhalten. Deshalb habe ich dann, auch gegen den Rat anderer, einfach meine Lehrstelle gekündigt und mir einen neuen Lehrbetrieb gesucht. Bei „Haareschneiden Kastner“ hab ich dann meine Lehre beendet, die Liebe zum Job entdeckt und bin 12 Jahre dort geblieben.

Wie kamst du zu Paul Mitchell und schließlich zum eigenen Paul Mitchell Flagship-Store?
Als Paul Mitchell nach Österreich kam, das war 1998, entschied sich meine Chefin auf Paul Mitchell Produkte umzusteigen. Das hatte vor allem damit zu tun, dass wir einen Kollegen hatten, der sehr starke Allergien entwickelt hatte und wir gemeinsam nach einer Lösung für ihn suchten. Paul Mitchell hatte uns als Team überzeugt. Passion – People – Products – Programs – die Philosophie, Leidenschaft und die Menschen die hinter Paul Mitchell stehen, erweckten in mir besondere Motivation. Es bereitet mir große Freude mein Wissen zu teilen und mich fachlich, sowie persönlich ständig weiterzuentwickeln.
Und 1999 begann ich dann auch schon mit meiner PM-Trainer-Ausbildung und ich war damals bei der ersten Show in Österreich mit dabei. Das gab dem ganzen Job natürlich neue Anreize. Früher empfand ich das Arbeiten mit unter als monoton. Aber durch die Trainer-Tätigkeit hatte ich plötzlich einfach ganz andere Ideen und auch andere Pläne mich weiter zu entwickeln. Nach der Übergangsphase als mobile Friseurin, als meine beiden Töchter bereits etwas älter waren, hab ich dann vor drei Jahren „Insider of Hair“ eröffnet.

Dein nächstes Projekt für Paul Mitchell?
Es freut mich, dass ich bei dem „Boot Camp“ in Deutschland in diesem Jahr dabei sein darf. Dort werde ich für die türkischen Kollegen aus Istanbul übersetzen. Und das wird sicher interessant werden, denn früher musste ich deutsch lernen und jetzt muss ich mein türkisch aufbessern, vor allem sollte ich mir die ganzen Fachbegriffe mal wieder anschauen.
Und da wäre noch ein anderes Projekt. Gemeinsam mit Alex Brendel, der für mich ein wichtiger Coach und Ideengeber ist, möchten wir einen Karriereleitfaden für neue Mitarbeiter in Unternehmen entwickeln. Eine Art Hausordnung, die in allen Salons Gültigkeit hat und individuelle Betriebsabläufe, Tätigkeiten und Karrierepläne beinhaltet.
Natürlich ist mir in nächster Zukunft weiterhin besonders wichtig, Seminare zu besuchen und abzuhalten, um mich weiterzuentwickeln und über die neuesten Methoden und Trends in meiner Branche informiert zu sein und damit die Qualität und das Niveau meines Salons und der Branche kontinuierlich zu steigern.

Wie glaubst du, verbessern wir das Branchen-Image und finden qualifizierteren Nachwuchs?
Durch bessere und höhere Schulabschlüsse, wir brauchen Auszubildende, die geistig reifer sind und durch höhere Verdienstmöglichkeiten haben. Die Mädchen und Burschen, die gerne den Beruf des Stylisten erlernen möchten, sind oftmals die in der Gesellschaft Benachteiligten, zumeist diejenigen, die in ihrer Schullaufbahn leider nicht ausreichend gefördert wurden. Bereits im Verlauf der Schullaufbahn müssen gewisse Werte und Normen vermittelt werden, ansonsten ist es äußerst schwierig Wissen zu vermitteln. Und sie brauchen einfach gewisse Verhaltensregeln: grüßen, fester Handschlag, Gespräche führen, Auftreten ....
Meiner Ansicht nach wäre es in der Grundschule schon sinnvoll Rollenspiele und persönliches Auftreten zu üben und später dann Bewerbungsgespräche zu trainieren. Oder auch Übungen, um persönlichen Stil, Styling und Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Wenn wir das Thema höhere Verdienstmöglichkeiten ansprechen: Mehr Geld musst du auch entsprechend an die Kunden weiter geben. Wie handhabst du das?
Ja, da muss man ansetzen. Es gibt Kunden, die behaupten, wir seien teuer, wenn sie hier nach Färben, Schneiden und Styling nach Hause gehen und 100-200 € gezahlt haben. Dienstleistung darf seinen Preis kosten. Wenn man beispielsweise das Auto in die Werkstätte bringt, kostet die reine Arbeitszeit auch ungefähr 80 Euro pro Stunde – und niemand stellt das infrage! Das kostet nun mal unsere Qualität, schließlich sind wir Top-ausgebildet. Dabei sehe ich unseren Salon eher als Mittel-Preisig an. Ich verstehe nicht, wieso die Kunden immer denken, dass Haare schneiden einfach ist und schnell gehen muss. Bei uns Friseuren bekommen sie schließlich professionelle Beratung, die sie brauchen. Du musst die Kunden mitnehmen in dein Business! Du musst das Styling erklären, Hilfestellungen leisten, die richtigen Produkte und Anwendungsempfehlungen geben. Wir sehen uns auch als Vorreiter für Tools. Wir erklären z.B. Glätteisen und den Umgang damit. Was nützt der beste Schnitt, das beste Produkt, wenn du nicht weißt, wie du es pflegst und damit umgehst? Unsere Kunden kaufen sich doch auch nicht ein Designerteil für viel Geld und geben das dann in den Schleudergang. So sehe ich das mit den Haaren auch: Das ist wie eine Hausordnung in der Waschküche.

Bei türkischen Salons in Wien ist besonders auffällig, dass sie häufig nur Herren- und Kinderservice anbieten. Wohin gehen deren Frauen, hast du türkische Kundinnen?
Ich habe Kundinnen verschiedenster Kulturen. Und diese Geschäfte, die du angesprochen hast, sind auf die Klientel ausgerichtet, die alles haben will für wenig Geld. Die fahren die Billigschiene mit 7€ pro Schnitt und machen die Preise kaputt. Da gilt es, aufzuklären: Wir haben beispielsweise im letzten Frühjahr einmal für die WKO ein Migranten-Seminar gemacht. Da wurden ebensolche Friseurunternehmer eingeladen und wir haben, neben Technikseminaren auch Aufklärung betrieben und versucht, neue Wege aufzuzeigen, und auch auf die Notwendigkeit hingewiesen, angebotene Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen zu müssen.

Das klingt nach vollem Programm auf allen Linien. Wie schaffst du deine Work-Life Balance?
Meine persönliche Herz-Seele Balance schaff ich dadurch, dass ich am Wochenende viel Zeit mit meinen Kindern, der Familie und meinen Freunden verbringe. Manchmal auch durch Akupressur, mentales Training, Meditation und spirituellen Ausgleich. Ich habe viel zu tun, aber es stresst mich nicht, denn wie das berühmte Sprichwort von Paul Mitchell schon sagt, HAVE FUN AT WORK!

Jänner 2013

Interview:Katja Ottiger