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Jasmin Werner | Cedit: QUERSCHNITT Haare & Make-up

08.05.2026

„Das beste Fachwissen hilft nichts, wenn Menschen innerlich leer sind“

Der Salonalltag fordert Friseurinnen und Friseure heute mehr denn je. Jasmin Werner ist überzeugt, dass die Branche umdenken muss. Denn Stressbewältigung beginnt nicht beim Durchhalten, sondern bei klugen Rahmenbedingungen, fairer Bezahlung und echter Wertschätzung

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Jasmin Werner im Gespräch mit Katja Ottiger

Jasmin, eine deutsche Studie zu Krankenständen hat ergeben, dass psychische Erkrankungen im Friseurhandwerk an zweiter Stelle rangieren. Woran liegt das?
Jasmin Werner: Ich denke, das ist eine Kombination aus den Anforderungen im Salon, den Erwartungen der KundInnen und den Rahmenbedingungen, die in vielen Salons noch immer herrschen. Dienstleistungen, Techniken und Kundenerwartungen haben sich verändert, jetzt müssen wir uns an die heutige Zeit anpassen.

Studie: "Das verdammte Leben sitzt bei dir auf dem Stuhl"

KundInnen kommen mit unterschiedlichsten Emotionen. Wie grenzt du dich ab?
JW: Genau dieses Thema war der Grund, warum es mein Unternehmen QUERSCHNITT überhaupt gibt. Über die Jahre hinweg sind mir aber immer wieder Kolleginnen begegnet, die aus den obigen Gründen den Beruf quittieren wollten. Ich habe mich gefragt: Was können wir dazu beitragen, das zu verändern? Wir beschweren uns alle über den Fachkräftemangel, aber wir sorgen nicht dafür, Menschen langfristig mit Freude im Job zu halten.

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Wir beschweren uns alle über den Fachkräftemangel, aber wir sorgen nicht dafür, Menschen langfristig mit Freude im Job zu halten.

Am Ende muss ein Salon auch wirtschaftlich funktionieren.
JW: Ich glaube, dass es ein Umdenken braucht. Es ist vollkommen normal, dass die Installateur-Stunde 120 Euro kostet. Warum schaffen wir es nicht im Friseurhandwerk, denselben Wert für unsere Arbeit zu vermitteln? Warum sagen viele Friseurinnen nicht mit Stolz: „Ich bin Friseurin“?

Ja, warum nicht?
JW
: Ich glaube, es liegt an einer Kombination aus fehlender Bezahlung, falschen Rahmenbedingungen und zu wenig Wertschätzung. Der Schlüssel dafür ist die richtige Preisgestaltung. Wenn ich die richtigen Preise verlange, bin ich auch in der Lage, ordentliche Löhne zu zahlen.

Zahlt lieber Löhne, bei denen Mitarbeitende gar nicht auf die Idee kommen müssen, nebenbei schwarz zu arbeiten.

Mentale Gesundheit geht also auch mit fairer Bezahlung einher?
JW: Absolut. Wenn jemand in Vollzeit arbeitet und sich trotzdem den Lebensunterhalt allein nicht leisten kann – und das betrifft leider viele Frauen –, stimmt etwas nicht. Da entstehen Frust, Abhängigkeit oder auch Schwarzarbeit. Das schadet am Ende der ganzen Branche.

Ich sage bewusst provokant: Zahlt lieber Löhne, bei denen Mitarbeitende gar nicht auf die Idee kommen müssen, nebenbei schwarz zu arbeiten. Dafür braucht es entsprechende Preise.

Da muss man natürlich auch Awareness bei den Mitarbeitenden schaffen. Viele sehen nur, dass Kundinnen mehrere hundert Euro bezahlen, aber nicht, wie wenig davon am Ende wirklich im Unternehmen bleibt. 

In der Ausbildung liegt der Schwerpunkt stark auf Fachthemen, nicht auf Selbstfürsorge. Siehst du da Lücken?
JW: Definitiv. Menschen können gestärkt nachhaltig gute Arbeit leisten, wenn sie auch in diesen Bereichen gestärkt werden. Wir müssen schon am Anfang der Ausbildung ansetzen: Lehrlinge müssen wissen, was im Salonalltag auf sie zukommt. Es reicht nicht, ihnen nur fachliche Techniken beizubringen. Sie brauchen auch Strategien für schwierige Gespräche, für Abgrenzung und für Stresssituationen. Viele zerbrechen daran schon im ersten Lehrjahr. Genau dort verlieren wir viele junge Menschen für den Beruf.

Wie könnte man gegensteuern?
JW: Ihnen klar sagen: „Das wird auf dich zukommen. Und so gehst du damit um.“ Dafür braucht es einen Rahmen, der das zulässt: Wenn der Terminkalender vollgestopft ist, gibt es keinen Raum für Reflexion, kurze Pausen oder ein Gespräch mit Kolleginnen.

Was müsste sich in Ausbildung und Weiterbildung verändern, damit FriseurInnen langfristig mental gesund bleiben?
JW: Keine Doppelbuchungen, eine sinnvolle Terminplanung, passende Preise und mehr Fokus auf Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Fachliche Kompetenz ist wichtig, aber viele Probleme entstehen durch mangelnde Kommunikation. Deshalb sollten Gesprächsführung, Selbstfürsorge und Wertschätzung fixer Teil der Ausbildung sein.

Es kostet mich nichts, meine Mitarbeitenden zu loben. Es kostet mich nichts, mich bei ihnen zu bedanken.

Was können Chefinnen tun?
JW:
Es braucht Führungskräfte, die ihre Mitarbeitenden sehen. Es kostet mich nichts, meine Mitarbeitenden zu loben. Es kostet mich nichts, mich bei ihnen zu bedanken. Es kostet mich nichts, aber es lässt uns beide wachsen.

Welche Resilienzstrategien helfen, wenn im Salonalltag nur wenig Zeit bleibt?
JW: Eine ganz einfache Strategie ist bewusstes Atmen, zum Beispiel beim Haarewaschen. Das klingt banal, aber wenn du beim Waschen deinen Atem bewusst anpasst, entschleunigst du automatisch. Wenn du das mehrmals am Tag machst, kann es viel verändern.

Auch kurze Atemtechniken wie Box-Atmung helfen. Dafür braucht es aber einen Moment Ruhe. Und da sind wir wieder bei den Rahmenbedingungen: Viele Salons haben keinen echten Rückzugsort. Oft gibt es nur eine Farbküche oder einen kleinen Hintergrundraum. Ich erwarte nicht, dass alle Salons umbauen. Wir bleiben schon bei umsetzbar und realistisch. Aber Mitarbeitende sollten die Möglichkeit haben, kurz aus einer Situation herauszugehen, ohne dass es ihnen negativ ausgelegt wird.

„Fokus statt Chaos“ ist euer Seminarformat zum Thema Resilienz. Was macht ihr dort genau?
JW: Wir zeigen Methoden, die Mitarbeitenden und Saloninhaberinnen helfen sollen, entspannter und mit mehr Freude hinter dem Stuhl zu stehen. Der Druck, ständig abliefern zu müssen, ist enorm. Aber unter Stress können wir keine perfekten Ergebnisse liefern. Deshalb geht es bei uns darum, wieder klarer, fokussierter und entscheidungsfähiger zu werden.

Wie handhabst du deine mentalen Grenzen?
JW: Ich habe gelernt, mir Unterstützung zu holen. Ich habe Coaches an meiner Seite und ein Team, mit dem ich mich auf Augenhöhe austausche. Ich teste gern bewusst meine Grenzen aus, denn um zu wachsen, musst du über deine Komfortzone hinaus.  Aber ständig über die eigenen Grenzen zu gehen, macht keinen Sinn, da brennst du aus.

Wie gehst du mit Stressbewältigung in deinem eigenen Team um?
JW: Ich versuche, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen nichts hineingequetscht wird. Ich bestehe darauf, dass sich alle die Zeit nehmen, die sie brauchen. Wir lernen gemeinsam. Unser Unternehmen ist noch jung, und ich habe nicht auf alles eine Antwort. Aber ich höre zu, frage nach und hole mein Team ins Boot. Die Verantwortung bleibt bei mir als Unternehmerin, gute Lösungen entstehen oft gemeinsam.

Wir möchten die Querschnitt Academy weiter ausbauen und den DACH-Raum abdecken.

Ich war immer schon ein Fan großer Ziele.

Was sind eure Pläne für die Academy?
JW: Wir möchten die QUERSCHNITT Academy weiter ausbauen und unbedingt den DACH-Raum abdecken. Ich war immer schon ein Fan großer Ziele. Wir möchten Friseurinnen und Friseure einerseits fachlich, aber auch mental gut unterstützen, damit sie ihren Beruf wieder mit Stolz, Freude und Kraft ausüben können. Wenn Menschen innerlich leer sind, hilft ihnen das beste Fachwissen irgendwann nicht mehr.

Über Jasmin Werner

  • Ausbildung zur Kosmetik & Fußpflege
  • Ausbildung zur Friseurin bei BUNDY BUNDY
  • Seit 2023 QUERSCHNITT Haare & Make-up, Baden bei Wien
  • 4 Mitarbeitende | aktuell keine Lehrlinge
  • Seit 2026 QUERSCHNITT Academy 

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