02.06.2015

Mario Wilhelmer ist Perückenmacher mit Lieferservice

Haarersatz ist sein Geschäft und es taugt ihm, Haarsysteme anzusprechen und zu liefern.

Er ist Friseur in der vierten Generation und ein anderer Job kam für ihn nie infrage. Sein erklärtes Fachgebiet: Haarersatz. Es taugt ihm einfach, über das zu sprechen, worauf er sein Unternehmen gründet: Auf Haarsysteme, die er in eigener Produktionsstätte in Asien produzieren lässt und liefert, um damit betroffenen Menschen Selbstachtung, Lebenslust und Normalität zurück zu geben.
Ganz sachlich spricht er über Haarqualitäten und Maßanfertigungen. Er erklärt, was er von seinen Kollegen bei diesem Thema erwartet und was er sich als Sohn des amtierenden Innungsmeisters gewünscht hätte.
 

Fakten

geboren und aufgewachsen in Klagenfurt

1996 als Friseur begonnen

Stylist, Administrator und Distributeur von Wilhelmer Hairstystems

seit 2004 Zweithaarspezialist mit eigenem Salon in Klagenfurt

seit 2006 Wilhelmer Hairsystems: Produktion und Vertrieb von Perücken und Haarersatz

Ansprechpartner Haarfee Kärnten

Seminaranbieter für Oberhaarverknüpfungen und Perücken, Haarersatz für Frauen und Männer




imSalon: Bei dir spürt man die Leidenschaft für Haarersatz. Was war die Initialzündung?
Der Zufall. Die Tochter eines Kunden litt unter Aleopecia Totalis, einer Erbkrankheit. Sie hatte keine Haare am Oberkopf und suchte Hilfe. Ich habe mich dann erstmals mit dem Thema Haarersatz und Perücken beschäftigt und bin in Hamburg auf die Heydecke Hairsystems gestoßen. Dort habe ich dann regelmäßig Schulungen besucht und die Leidenschaft hat sich entwickelt.
 

"Wir bestimmen Länge, Farbe und Haardichte selbst."



imSalon: ... bis hin zu Wilhelmer Hairsystems. Du bist Direktproduzent von Perücken und Haarersatz.
Ja, seit 2006. Anfangs haben wir unsere Perücken über deutsche Großhändler bezogen. Nach intensiven Recherchen habe ich ein Werk in Asien gefunden, das für mich nach meinen Vorstellungen und Angaben fair und bezahlbar produziert. Wir sind auf das Fertigen von Echthaar spezialisiert und bestimmen Länge, Farbe und Haardichte selbst.
Im letzten Jahr waren es 390 Stück, wobei hier auch die Perücken mitzählen, die andere über mich einkaufen.

imSalon: Haarersatz gibt es als Kunsthaar und Echthaar. Was sind die Unterschiede?
Im ersten Moment kaum sichtbar. Kunsthaar sollte in jedem Fall trocken bleiben. denn Hitze, sprich föhnen, ist verboten. Mit Echthaar kann man alles machen. Waschen, föhnen, glätten, schwimmen, sporteln oder tauchen.
Perücken aus Kunsthaar zahlen sich nur aus, wenn man vorübergehenden Haarersatz braucht, z.B. bei einer Chemotherapie, da stimmt das Preis- Leistungsverhältnis und die Kasse zahlt fast den gesamten Betrag, hier müssen die Kunden maximal 50 Euro zuzahlen.
Bei Echthaar unterscheidet man zwischen chinesischem, indischem und europäischem Haar. Eine gut europäische Haarqualität zu finden ist schwierig, weil sich hier immer auch die Frage stellt, inwiefern das Haar behandelt ist. Auch bei indischem Haar spielt das zunehmend eine Rolle, weshalb zumeist auf asiatisches Haar zurückgegriffen wird, was auch eine Frage des Preises ist. Das asiatische ist von Haus aus dicker (ca. 0.07mm) und damit schwieriger in der Verarbeitung, um es unserem europäischen Standard anzupassen (0,05 bis 0,07mm). Ich bin ein Fan von indischem Haar.
 

"Ich bin ein Fan von indischem Haar."



imSalon: Wie viele Perücken braucht ein Kunde im Schnitt pro Jahr.
Bei ständiger Benutzung, wie oben beschrieben, zwischen zwei und drei Stück. Sie werden alle 7 Wochen erneuert, sprich abgenommen, gereinigt und nachgeschnitten. Bei guter Pflege halten sie bis zu sechs Monaten.

imSalon: Wie sieht eine Maßanfertigung in der Praxis aus?
Auf jedem Fall muss man da wissen, was man tut, dazu braucht es eine Ausbildung. Unsere Haarteile sind allesamt Maßanfertigungen und das macht auch deren Qualität aus.
Zunächst einmal gibt es ein Bestellformular, auf dem man alle relevanten Details eintragen kann. Die Grundlage der Perücken sind thermoverformbare Folien, die in heißes Wasser gelegt und dadurch formbar gemacht werden. Anschließend werden sie auf den Kopf aufgezogen und mit einem Eding die Besonderheiten des Kopfes eingezeichnet, wie die exakte Form des Hinterhauptknochens oder sichtbare Dellen. Damit kann man den perfekten Sitz gewährleisten. Dann werden eventuelle Strähnentechniken eingezeichnet und die Farbe, Dichte und Wellung bestimmt, damit die Perücke der natürlichen Haarstruktur am Nähesten kommt. Denn die meisten Menschen möchten nicht, dass man erkennt, dass es sich um Haarersatz handelt. Auch immer mehr Männer wollen da etwas tun, allerdings eher im verborgenen. Männer wollen es da auch sehr diskret. Deshalb habe ich auch in meinem Salon Kabinen und Jalousien, um bestmögliche Intimsphäre zu schaffen.

imSalon: Nach der Bestellung - wann wird das Haarteil geliefert?
In 8-12 Wochen.

imSalon: Wollte bei dir schon mal jemand ein Perücke unter dem Aspekt "Beauty" kaufen?
Nein. Da hatte ich bisher nur einmal eine Anfrage.

imSalon: Lady Gaga, Kate Perry oder Rhianna erfinden sich dank Perücken immer wieder neu. Glaubst du, dass der der US-Wig Hype auch das verstaubte Zweithaar-Image aufpolieren kann?
Natürlich, Perücken als Lifestyle Produkt.

imSalon: Braucht es spezielle Pflegeprodukte für drunter?
Das ist ratsam. Wir haben eine eigene Kopfhautpflegeserie, die auf Pflege und Haarwuchs konzipiert ist und die wir gemeinsam mit einem Biochemiker in Deutschland entwickelt haben und produzieren lassen: Splends. Der Name setzt sich zusammen aus dem englischen "Splend" = "prachtvoll" und der Verniedlichungsform.

imSalon: Und wenn die Haare wieder nachwachsen, wie lang trägt man dann Perücke?
Die Kunden reagieren unterschiedlich. Bis zu einer gewissen Länge kann man die nachwachsenden Haare mit der Perücke gut verdecken. Einige Kunden tragen weiterhin die Perücke bis sie eine gewissen Länge und Dichte erreicht haben, andere können ihren ersten Kurzhaarschnitt kaum erwarten.

imSalon: Wo holst du dir Inputs und neues Wissen?
Zu 90% auf Messen und bei Großhändlern, einmal jährlich ein gfh Seminar.

imSalon: Was ist das Innovativste, das in der letzten Zeit auf den Markt gekommen ist?
Es entwickelt sich ständig irgendetwas weiter. Im Moment testen wir gerade mit einer Kundin eine neue Haltmembrane auf Basis eines dermatologischen Hautklebers, der eine dauerhafte Haltbarkeit von 10 Wochen auf dem Kopf verspricht.
 

"Ich habe für mich persönlich eine NLP Ausbildung gemacht."



imSalon: Wie sehr lässt du die einzelnen Schicksale an dich ran?
Gar nicht. Ich habe für mich persönlich eine NLP Ausbildung gemacht, weil es natürlich anfangs schon so war, dass mich das mitgenommen hat. Aber es ist wichtig, auf Distanz zu bleiben und bei der Beratung immer beim Thema Haare zu bleiben. Das ist umso wichtiger, da ich jetzt auch Ansprechpartner für die HAARFFE in Kärnten bin, und es hier um Kinder geht. Alle wichtigen Punkte sind in unserem Serviceleitfaden niedergeschrieben, der auch für unsere 4 eigens ausgebildeten Mitarbeiterinnen gilt.

ImSalon.at: Du bist der Sohn des amtierenden Landesinnungsmeisters von Kärnten. Hast du selbst Interesse an Innungsarbeit?
Nein, da liegen meine Interessen wo anders, das Geschäft hat ganz klar Vorrang.
 

"Keine Geschichten über „Packerlwirtschaft."



imSalon: Hat es Vorteile der Sohn des LIM´s zu sein?
(lacht) Anfangs hätte ich mir das gewünscht, aber heut kann ich sagen: Nein. Das ist sogar eher ein Nachteil. Damit es keine Geschichten über „Packerlwirtschaft“ gibt, wirst du niemals auf einer Innungsveranstaltung einen Stand von Hairsystems Wilhelmer sehen. Hier ist die Innung für mich nicht der richtige Partner. Es ginge mir natürlich durchaus um Aufklärung und ich möchte viele Friseure mit der Thematik erreichen, auch in den Berufsschulen, um zu zeigen, dass Zweithaar und Haarersatz nichts Verstaubtes haben, sondern dass es wirklich geile Teile sein können.
 

"Dass die Perücke vom Kopf rutscht, wenn der Bus an einem vorbei fährt, falsche Vorstellung."



imSalon: Was wünschst du dir hier von der Branche?
Mehr Interesse bei den Friseuren und einen besseren Informationsfluss. Aber das beginnt schon in der Ausbildung des Friseurs und „Perückenmachers“. Viele haben von der eigentlichen Materie keine Ahnung. Und die Zweithaar Branche hat einen verstaubten Beigeschmack mit falschen Vorstellungen, wie der, dass die Perücke vom Kopf rutscht, wenn der Bus an einem vorbei fährt. Die sehen nicht, wie glücklich Kunden mit Haarersatz sein können und Normalität leben. Die gehen wieder in die City und in die Disco, einen „Hasen aufreißen“. Die fühlen sich gut!