Anzeige

Anzeige

Seit Juni 2026 stellvertretender Bundesinnungsmeister: Dieter Kohler aus Eberstalzell | Credit: Chris Hofer | ChatGPT erweitert

17.07.2026

„Nur kritisieren bringt uns nicht weiter“

Seit Juni ist Dieter Kohler Bundesinnungsmeister-Stellvertreter und fokussiert auf Nachwuchsförderung und Ausbildung. Hierbei setzt er auf internationale Zusammenarbeit und hat kein Verständnis für Kritik ohne Lösungsansätze.

Anzeige

Anzeige

Katja Ottiger im Gespräch mit Dieter Kohler

Dieter, du bist seit vielen Jahren stellvertretender Landesinnungsmeister in OÖ, seit Anfang Juni auch Bundesinnungsmeister-Stellvertreter. Wie ist dein erstes Feedback?
DK: Im Grunde hat sich für mich nicht viel geändert. Meine Aufgaben sind die europäischen Agenden. Ich vertrete Österreich bei Coiffure EU in Brüssel und bin als Experte bei EuroSkills und WorldSkills international unterwegs. Neu hinzugekommen sind die Vorstandssitzungen.

Anzeige

Was war ausschlaggebend, diese Position zu übernehmen?
DK: Mich interessiert vor allem wie andere Länder, speziell bei der Ausbildung, arbeiten. Wir möchten stärker über die Grenzen hinweg schauen und Kooperationen schaffen. Ich stehe vollkommen hinter unserem dualen Ausbildungssystem. Wir sollten aber nicht so arrogant sein und behaupten, nur unser System sei richtig. Auch andere Länder bilden dual aus, wenn auch teilweise anders als Österreich, Deutschland oder die Schweiz.

Wir sollten nicht so arrogant sein und behaupten, nur unser System sei richtig.

Was gefällt dir beispielsweise am deutschen Ausbildungssystem?
DK: Ich finde die Aufteilung in Gesellenprüfung Teil 1 und Teil 2 sowie die Möglichkeit zur Spezialisierung sehr interessant. Die Auszubildenden können sich stärker in Richtung Herren, Damen oder Coloration entwickeln und dementsprechend ihre Prüfung absolvieren.

Wir haben z.B. gerade eine Anfrage aus Deutschland erhalten, ob wir Praktikumsprogramme zwischen beiden Ländern erleichtern können. Österreichische Lehrlinge hätten die Möglichkeit, für einige Wochen nach Deutschland zu gehen, deutsche Lehrlinge zu uns zu kommen. Ob das dann über Erasmus oder ein anderes Modell läuft, muss man sich anschauen.

Der Branche fehlen Lehrlinge und Fachkräfte. Häufig heißt es, Lehrlinge sind für die Betriebe zu teuer, die Anforderungen für junge Leute nicht attraktiv. Wie beurteilst du die Situation?
DK: Wir müssen aufpassen, dass wir daraus nicht ausschließlich ein Problem der Friseurbranche machen. Es handelt sich um ein gesellschaftliches und gewerbeübergreifendes Thema. Wenn wir öffentlich ständig jammern, was bei uns alles nicht funktioniert, erreichen wir möglicherweise das Gegenteil. Eltern spielen bei der Berufswahl oft eine wichtige Rolle. Wenn sie immer nur von Problemen hören, werden sie ihren Kindern kaum zu dieser Branche raten. Wir müssen Herausforderungen klar benennen, aber gleichzeitig zeigen, wie vielfältig und interessant der Beruf ist.

Wir dürfen Fachkräftemangel nicht zum ausschließlichen Problem der Friseurbranche machen. Es ist gesellschaftlich und gewerbeübergreifend.

Sollten wir die Friseur-Lehre nach der Matura stärker kommunizieren?
DK: Wir sollten insgesamt offener werden und unterschiedliche Wege in den Friseurberuf ermöglichen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auch nach dem 18. Lebensjahr eine Lehre zu beginnen. Solche Modelle müssen sichtbarer werden. Nicht jeder muss mit 15 den klassischen Weg einschlagen.

Immer wieder wird eine eigene Barber-Ausbildung ins Spiel gebracht. Wäre eine reine Barber-Lehre sinnvoll?
DK: Eine Spezialisierung finde ich absolut sinnvoll. Die grundlegenden Inhalte sollten aber alle durchlaufen. Ich selbst bin zu rund 90 Prozent im Herrengeschäft tätig und damit im Grunde ebenfalls Barber. Trotzdem möchte ich meine Ausbildung im Damenfach nicht missen. Ich bin froh, dass ich Farbtechniken und auch Dauerwelle gelernt habe.

Deshalb gefällt mir das deutsche Modell gut: Man kann sich im dritten Ausbildungsjahr auf den Herrenbereich konzentrieren, ohne andere Inhalte vollständig auszuschließen. Dieses System finde ich sinnvoller als eine rein auf Herren beschränkte Ausbildung.

Du engagierst dich seit mehreren Jahren bei EuroSkills und WorldSkills. Was begeistert dich an den internationalen Berufswettbewerben?
DK: Die Arbeit mit jungen Talenten ist unglaublich spannend. Man sieht, wie sie sich entwickeln, und kann sich gleichzeitig international vergleichen.
Als ich zum ersten Mal bei einem Wettbewerb war und den chinesischen Talenten zugesehen habe, war das gigantisch. In manchen Ländern werden die Teilnehmenden teilweise über Jahre aus dem normalen Berufsleben genommen und ausschließlich auf diesen einen Wettbewerb vorbereitet. Trotzdem konnten wir bei den vergangenen Europameisterschaften den vierten Platz erreichen. Das war eine richtig gute Leistung.

Aus den Wettbewerben entstehen außerdem wertvolle Kontakte. Die finnische Expertin schickt mir im Herbst zwei junge Friseurinnen, die drei Wochen in meinem Salon arbeiten werden. Genau solche Kooperationen zwischen verschiedenen Nationen finde ich großartig.

Wir brauchen mehr Betriebe, die sich für Ausbildung entscheiden, keine zusätzlichen Hürden.

Bei der Bundesinnungsausschusssitzung Ende Mai wurde u.a. auch über Änderungen in der Ausbildungsverordnung gesprochen. Was sind da konkrete Themen?
DK: Ein Thema waren Änderungen bei der Lehrabschlussprüfung, ein weiteres sind die Verhältniszahlen*. Nachdem weniger als 10 % der österreichischen Friseurbetriebe ausbilden, sollten wir es den Betrieben nicht erschweren, Lehrlinge aufzunehmen. Wir brauchen mehr Betriebe, die sich für Ausbildung entscheiden, nicht zusätzliche Hürden.

Du machst seit 30 Jahren Innungsarbeit. Ist das manchmal ernüchternd?
DK:
Ernüchternd war es schon im Vorfeld. Denn wie viele andere auch, habe ich Gewerberecht mit Innungsarbeit verwechselt. Wir sind eine Branchenvertretung und bei gewerbeübergreifenden Angelegenheiten ist oft die Sparte (Gewerbe & Handwerk, Anm.) zuständig. Es ist mitunter ein langwieriger Kampf gegen Windmühlen, wie z.B. Wolfgang Eders Forderung nach Senkung der Mehrwertsteuer. Das wird seit Jahren probiert.

Was wünschst du dir von der Branche?
DK: Ich halte nichts davon, ausschließlich zu kritisieren. Wir sind offen für Meinungen und laden jeden ein, sein Wissen oder konkrete Ideen einzubringen. Nicht jeder muss sofort Mitglied eines Innungsausschusses werden. Man kann sich in Arbeitskreisen auf Landesebene beteiligen und bei ausgewählten Themen mitarbeiten.

Kritik ist vollkommen in Ordnung. Idealerweise bringt man aber auch einen Lösungsansatz mit oder ist bereit, selbst an einer Veränderung mitzuwirken. Nur alles besser zu wissen, aber nicht mit anzupacken, bringt die Branche nicht weiter.

Lieber Dieter, vielen Dank für deine Zeit und deine offenen Worte!

Über Dieter Kohler

Dieter Kohler machte seine Friseurausbildung bei der Meininghaus Akademie in Deutschland. In 4. Generation führt er zwei Salons in Oberösterreich mit rund 20 Mitarbeitenden und fünf Auszubildenden. Seit rund 30 Jahren engagiert er sich in der Friseurinnung. Aktuell ist er stellvertretender Landesinnungsmeister in Oberösterreich sowie stellvertretender Bundesinnungsmeister.

salon-kohler.at

Hier finden euch Lehrlinge!

Wir unterstützen eure Engagement in Sachen Lehrlingsausbildung! Darum sind in unserer Job-Rubrik alle Lehrstellen-Inserate kostenlos!

imSalon Lehrstellen

* Die Verhältniszahlen regeln, wie viele Lehrlinge ein Betrieb abhängig von der Zahl der qualifizierten Beschäftigten ausbilden darf.
Ein kleiner Friseurbetrieb mit einer qualifizierten und ausbildungsberechtigten Person kann derzeit grundsätzlich zwei Lehrlinge gleichzeitig ausbilden. Für mehr Lehrlinge müssen sowohl genügend Fachkräfte als auch genügend AusbilderInnen vorhanden sein.

Aktuelle Verhältniszahlen Friseurbranche:
1 Fachkraft = max. 2 Lehrlinge
2 Fachkräfte = max. 2 Lehrlinge
3 Fachkräfte = max. 3 Lehrlinge
4 – 5 Fachkräfte = max. 4 Lehrlinge
6 – 7 Fachkräfte = max. 5 Lehrlinge

Merkblatt Verhältniszahlen

Quelle: WKO

Zurück zur Übersicht

Aktuelles

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Zurück

0

Teilen