03.05.2015

Tetyana Aleksandrovych über Kunst und Düsternis

Mit 28 Jahren war sie eine Spätzünderin. Der Eltern wegen studierte Tetyana in der Ukraine Wirtschaft, obwohl sie doch viel lieber Künstlerin geworden wäre – aber die landen immer irgendwann unter einer Brücke.

Wie sie mit einem Bachelor in Kunstgeschichte schließlich in einem Friseursalon landete und warum sie blieb, was sie sich von Unternehmern wünscht und was sie noch schockieren kann, erzählt die gebürtige Ukrainerin äußerst temperamentvoll.
 

Fakten

geboren und aufgewachsen in Lemberg/Ukraine

begonnen als Friseurin: 2011

Stylstin bei Bachmayr HNETZ in Linz

Fotoshootings, Werbung, TV, CD-Cover

AHDA 2015, nominiert in den Kategorien Damen NW, Avantgarde und Presse

Mitglied im Inspirational Woman Team von imSalon für die HAARMANIA Show 2015

 

Tetyana Aleksandrovych über


… Entscheidungen und Lebenswege: Maskenbildnerin, Ja! Friseurin auf keinen Fall.!
Ich kann nicht besonders gut multiplizieren und addieren, deshalb war es klüger, die Wirtschaft sein zu lassen und als beim Kunstgeschichtsstudium die Philosophie dann dazu kam, ging es mir ähnlich.
Ich war immer ewiges Mittelfeld bei dem, was ich gemacht habe. Aber ich dachte mir, jeder hat doch irgendeine Stärke! Ich konnte malen, aber nicht so gut, dass ich davon hätte leben können. Nur auf dem menschlichen Körper war ich super! So kam ich zu Bodypainting, ohne zu wissen, dass das ein Beruf ist. Das Gefühl dazu, an und mit Menschen arbeiten zu wollen, wurde immer stärker, so auch der Wunsch Maskenbildnerin zu werden.
Da gab es nur dieses eine Hindernis: Friseurlehre!
 

"Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass ich in Österreich dafür Friseurin lernen musste."



Ich wollte dann auch gleich nach Deutschland, weil es da spezielle Maskenbildnerschulen gibt. Ich habe eine Künstlermappe zusammen gestellt, Bilder gemalt, aber das mit den Haaren hat nie funktioniert, da war ich einfach zu schlecht.


… über die Lehrstellensuche und den Job bei Gert Bachmayr
Ich bin einfach durch die Straßen gelaufen und hab gedacht, der erste, der mich nimmt, bei dem bleib ich. Die Lehre hat mich nicht interessiert, ich habe auch nicht recherchiert.
Ich wollte nur rein gehen und sagen, ich möchte ganz schnell diese Lehre hinter mich bringen und dann gleich wieder gehen. Aber das wollen manche Chefs nicht, weil die meisten dich 3 Jahre als Sklaven zum Putzen brauchen. (lacht laut)
Aber mein Chef ist da anders, für ihn ist das immer ein kleines Dilemma, wenn die Lehrlinge nach der Ausbildung weggehen. Dabei kann er gar nicht alle behalten, er bildet mehr aus, als er braucht. Für ihn hat es also gepasst, dass ich nicht vorhatte zu bleiben.

… über das Einstellungsgespräch
Er fragte: „Wissen Sie etwas über uns?“ - „Nein.“
Er fragte: „Aber Sie suchen einen Lehrplatz?“ - „Ja.“
Er fragte: „Interessieren Sie sich überhaupt?“ – „ Ja.Nein.“
Er fragte: „Sie wissen aber schon, dass wir hier viel schminken, sie könnten sich also vielleicht entfalten…“ - Das hat mein Interesse geweckt.
Ich sagte: „Ich muss diese Lehre in 1 ½ Jahre durchziehen – kann ich das auch in 6 Monaten?“

… den Zwang Friseurlehre bis hin zur Leidenschaft Friseurin?
Es war zum einen der Job an sich, der mich begeistert hat, aber auch Gerd Bachmayr. Er ist ein Mensch, der Potential erkennt und fördert. Wenn ich ihm eine meiner dämlichen Ideen erzähle, dann hört er mir zu und nimmt die ernst. Überlegt, wie können wir das realisieren? Aber du musst ihm zeigen, dass du das willst. Das tut er beinahe alles für dich.
 

"Ich glaube, warum viele nach der Ausbildung nicht in den Job gehen, liegt an dieser „modernen Sklaverei.“



… über die hohe Abbruchsrate bei Lehrlingen, bzw. nach der Lehre und das, was Unternehmer verändern könnten
Ich glaube, warum viele nach der Ausbildung nicht in den Job gehen, liegt an dieser „modernen Sklaverei“. Ich denke schon, dass viele junge Leute den Beruf lernen wollen, weil Beauty einfach richtig im Kommen ist. Die wollen das können, Haare machen und schminken. Aber dann kommen sie in den Salon und was machen Sie? Putzen und Haare waschen. Und dann gehen ihre Freundinnen auf den Ball und fragen, ob sie ihnen die Haare machen könnte, und dann merkt sie, dass sie nach 8 Monaten eigentlich nichts kann.


… über ihren Hang zu düsteren Inszenierungen und der Kunst von HR Giger (Anm: bildender Künstler, Schweiz)
Diese ganzen Beauty Sachen, die siehst du überall und damit kannst du die Leute nicht mehr überraschen. Dafür aber vielleicht schockieren. Nehmen wir HR Giger. Der ist ein Gott, obwohl seine Sachen immer etwas beängstigend sind, aber ich finde seine Bilder inspirierend.
Auch das ist Kunst und es gibt einen großen Markt dafür. Wenn ich mit Jugendlichen spreche, die schauen alle Horror, und weißt du warum? Die brauchen neue Erlebnisse, neue Gefühle. Horror hat diesen gewissen Kitzel. Bei mir hat das schon wieder etwas nachgelassen. Die Filme sind mittlerweile so realistisch, so intensiv, das geht alles mit der Musik und da hab ich mittlerweile schon angst.
Es ist auch schwieriger mit Beautysachen zukommen, weil hier die Konkurrenz so stark ist, aber mit diesen hässlichen Sachen - ich bekomme Jobs nur in dieser Richtung: Werbung, TV, Fotografie, CD-Cover.

… ihr handwerkliches Steckenpferd
Hochstecken ist mein Schwerpunkt, Prachthaar schneiden, das genieße ich. Aber wenn jemand mit kurzen Haaren kommt und einen schönen Schnitt braucht, dann schwitze ich.
Farbe liebe ich, dafür hab ich ein gutes Gespür.

… die Inspirational Women Show bei der HAARMANIA im September – was hat sie vor?
Das Thema ist Zirkus, also auf jeden Fall etwas freakiges, skurriles. Es ist noch nicht fertig gedacht, aber meine Gedanken kreisen um einen kleinwüchsigen Mann und von oben herabhängenden Puppen, Marionetten oder Tänzerinnen.

… ihre Schwangerschaft und das danach
Ich weiß noch nicht, wie das wird. Mir war anfangs so übel, dass ich keine Haare sehen konnte, aber das geht jetzt wieder.
Ich möchte ein Jahr in Karenz gehen und nach 6 Monaten wieder geringfügig beginnen, denn wir haben vor, eine Lehrlingsakademie bei uns zu machen. Wir planen die triale Ausbildung: einen Tag Berufsschule und einen Tag in unserer Akademie, die restlichen Tage im Salon. Plus eine Make-Up Ausbildung für Lehrlinge und intensive Prüfungsvorbereitungen für das dritte Lehrjahr.

… über den Aufwand Hairdressing Awards
Ich habe im letzten Jahr das erste Mal mitgemacht, das war noch zu meiner Lehrzeit.
Ich habe die Avantgarde Sachen für dieses Jahr in der Ukraine mit einer Fotografin gemacht, die ich schon länger kenne. Ihr Mann ist Bildhauer, er hat die Produktion gefilmt. Meine Schwester studiert Sport und ich habe sie gebeten, mir eine sportliche Frau zu finden, die alles mitmacht, denn ich wollte Bodypainting machen und etwas Düsteres im Giger Style.

… und über die Kosten?
Bei uns sagt man: Du musst keine 100 Euro haben. Du musst 100 Freunde haben.
Ich sag, du brauchst einen guten Fotografen, aber das heißt nicht, dass du ihm ein Vermögen zahlen musst. Wenn du gut bist, kannst du auch Fotografen mit deiner Kunst begeistern, denn auch sie sind Künstler und lieben solche Sachen.
Die Modelle in der Ukraine wollen immer fotografiert werden, auch wenn sie nicht viel dafür bekommen, obwohl sie hart arbeiten. Ich zahle ihre Reisekosten und es gibt immer während der Fotochootings reichlich zu essen und natürlich ein wenig Geld.

… Österreich vs. Ukraine. Die Unterschiede im Styling und wo sie dabei steht
Für die österreichischen Frauen gilt: Wer das Leben versteht, trägt Sportschuhe.
Die Urkainische Frau bringt nicht den Müll raus, ohne frisiert zu sein und ohne Make-up, die sind auf Äußeres fixiert. Sie fährt auch nicht in den Urlaub, sondern kauft sich lieber den neuesten Chanel Lippenstift.
Bei mir ist es ein Mittelweg. Ich habe mich immer ein bisschen gewehrt gegen solche Dinge, wie: „Du bist eine Frau, du brauchst hohe Schuhe!“ oder „Du gehst in die Uni ohne Make-Up?“
Slawische Frauen sind nicht hübscher, nur irgendwie zurechtgemachter.