Credit: Hairground - Ready To Dye

09.09.2022

Larissa Köb: Es kann nicht sein, dass es Luxus ist, Friseurin zu sein

Vollblutfriseurin Larissa kämpft für ihren Beruf und sieht schnellen Handlungsbedarf bei Innungen und Staat. Denn Friseur*innen werden zur Mangelware ...

Im Gespräch mit Katja Ottiger
 

Larissa, du siehst dringenden Handlungsbedarf beim Einkommen, gerade für junge Leute?
Larissa Köb:
Ja, weil es als junger Mensch wahnsinnig schwierig ist, sich das Leben zu leisten. Und das betrifft nicht nur unsere Branche! Ich lebe in Vorarlberg. Bei uns sind die Mietpreise so hoch, dass ich mir mit meinem normalen Vollzeit-Einkommen kaum eine Wohnung leisten kann. Es kann nicht sein, dass es Luxus ist, Friseurin zu sein, oder!?

Wo siehst du den Spielball?
LK:
Beim Staat und den Innungen. Sie sollten dafür sorgen, dass Arbeit attraktiv ist und sich lohnt. Konkret erwarte ich mir, dass das Berufsbild erneuert wird, dass Lohnnebenkosten und die Umsatzsteuer sinken, dass man die Trinkgeldpauschale streicht und dass man, da es auch ein Frauenberuf ist, bedenkt, dass Frauen vom Vollzeitarbeiten leben können sollten. Man kann sich auch leicht ausrechnen, was eine Frau in Karenz bekommt. Das Thema ist heftig und traurig.

Wir sollten uns fragen, warum eine Friseurin so wenig Geld hat. Über die Trinkgeldpauschale z.B. redet kaum jemand. Als Lehrling sind das 22 Euro im Monat, als Friseurin 70 Euro! Das Trinkgeld wird uns für unsere tolle Arbeit, als Zeichen der Wertschätzung gegeben, wieso müssen wir einen Teil davon an den Staat abgegeben?

Ich verlange ja nur, dass Arbeiten leistbar ist. Es wäre schön, wenn sich die Schere von Brutto-Netto schließt, damit mehr für die Angestellten übrigbleibt. Das System stimmt im Ganzen nicht, die Abgaben sind auch für Arbeitgeber zu hoch, Dienstleister und Geringverdiener werden ausbeutet.

Wie siehst du eine Erhöhung des Kollektivvertrages?
LK: Ich weiß nicht, ob das die Lösung ist - damit wird es für viele Salons noch schwieriger. Wenn die Kollektive rauf gehen, müssen wir mit den Preisen höher als wir es derzeit ohnehin schon müssen. Das ist ein Kreislauf, der an die Wand fährt und nicht ins Ziel. Es wäre wichtig, Unternehmen zu entlasten und auch, dass Unternehmer*innen wiederum das „Ersparte“ nicht in den eigenen Sack stecken, sondern an Mitarbeiter*innen auszahlen.

Warum wurdest du Friseurin?
LK: Ich war in der Polytechnischen Schule und da hieß es, ich solle Friseurin schnuppern gehen, weil ich doch so viel rede. Ich war dann einen Tag in einem Salon, durfte am Trainingskopf Zöpfe flechten und wurde sogar den Kunden vorgestellt. Das hat mir damals echt gut gefallen. Danach habe ich meine Ausbildung gemacht und nie wieder etwas anderes!

Wie blickst du auf deine Ausbildungszeit?
LK:
Ich hatte eine sehr harte Lehre, fühlte mich mehr als Putzfrau. Solche Dinge sind es auch, die sich über die Jahre unter den Jugendlichen herumsprechen und die Friseurlehre unattraktiv machen. Die Generationen vor uns haben die Ausbildung kaputt gemacht.

Das ist eine sehr harte Aussage.
LK:
Ja, aber es ist die Wahrheit. Und ich stehe dazu, auch wenn ich für dieses Interview Kritik ernte. Wenn Lehrlinge angestellt werden, um sie putzen zu lassen, ist es kein Wunder, wenn den Beruf heute niemand mehr lernen möchte. Junge Leute wollen Balayage und Beach Waves machen und nicht Wasserwelle. Ich habe noch nie einer Kundin Wasserwelle gemacht. Ja, es ist eine schöne Arbeit, aber du brauchst sie halt im Alltag nicht.

„Friseur sein ist cool, aber die jungen Leute wollen lernen, was sie in Social Media sehen.“

Was erwartest du hier von den Innungen?
LK:
Vielleicht wäre es ein Ansporn für die Innungen, die Jungen mit ins Boot zu holen und zu fragen, was die wollen und wie sie sich das Berufsbild des Friseurs vorstellen. Es darf nicht so weitergehen, nur, weil man es immer schon so gemacht hat und weil es immer schon so war. Friseur sein ist cool, aber die Jungen wollen lernen, was sie in Social Media sehen, auf Tik Tok oder Instagram.

Du hast direkt nach deiner Ausbildung in London gelebt und gearbeitet? Warum?
LK:
Vorarlberg war mir zu langweilig und ich wollte mit 19 weg von all dem Bürgerlichen. Angefangen hab ich als Au Pair, weil ich damit leichter ins Ausland konnte und ein Dach über dem Kopf hatte. Währenddessen habe ich an den Wochenenden eine Make-up-Artist-Schule besucht und bin später zu Toni&Guy. Das Arbeiten in London war insofern spannend, weil die Friseure dort immer am neuesten Stand sind und mitziehen müssen, statt, wie es bei uns manchmal ist, stehenbleiben.

Hast du Interesse an der Innungsarbeit?
LK: Ja, ich bin sogar sehr daran interessiert. Ich habe im letzten Jahr meinen Meister gemacht, bin seit Kurzem selbstständig und habe Kontakte zur Innung geknüpft. Ich hoffe, dass sich etwas ergibt und ich Teil davon sein darf, die Dinge zu ändern und besser zu machen. Denn nur weil es schon immer so war und es schon fast normal ist, dass man als Friseurin nichts verdient, heißt das nicht, dass es so weiter gehen muss. Ich bin leidenschaftliche Friseurin und will mich einbringen. Denn ich möchte nicht, dass es bald nur noch wenige „ausgewählte“ Friseure gibt.

Wie schaut es in deinem Freundeskreis mit Friseurinnen aus?
LK: In meiner Berufsschulzeit waren wir zwischen 25 und 30 Schüler*innen - keine Handvoll davon ist noch im Beruf. Ist das nicht schlimm? Früher wollte doch beinahe jede Friseurin werden. Jetzt haben wir 2022 und Friseur*innen sind Mangelware, das konnte man sich früher doch gar nicht vorstellen! Wir müssen echt schnell was ändern!

Über Larissa Köb

  • 1 Salon in Wolfurt: Hairground - Ready To Dye 
  • Keine Mitarbeiter*innen
  • on Instagram: @hairground_official