Credit: Anjelic Gomez

28.10.2021

BarberLady Tina: Ich habe selbst ein paar Tage auf der Straße gelebt

Barber Angel wird man nicht einfach so, da hat jeder seine Geschichte. Wir sprechen mit Kristina, Mitbegründerinnen des Charity Vereins, über Berührungsängste und Eis brechen, über Vorsichtsmaßnahmen und über mehr als ein gutes Gefühl.

Für ihr Engagement beim Verein der Barber Angels Brotherhood E.V. wurden Kristina Flohr und ihre Schwester Daniela Hinz mit einem 10.000 Euro dotierten GOLDENE BILD der FRAU Award ausgezeichnet, den sie im Namen ALLER Barber Angels entgegengenommen haben, dazu gibt’s eine private Audienz beim Papst…

BarberLady Tina im Gespräch mit Katja Ottiger
 

„Dem Papst die Arbeit der Barber Angels näherbringen.“ 

Tina, eine Audienz beim Papst?
Kristina Flohr:
Ja (lacht), eigentlich ist das ein lang gehegter Wunsch von Claus Niedermayer (einer der Gründer der Barber Angels und Präsident International der "Bruderschaft der Friseure", Anm.), den wir ihm jetzt erfüllen können. Dieser Gutschein ist auf meine Schwester und mich personalisiert und wir möchten den Besuch beim Papst nutzen, unsere Projekte noch näher in den Fokus zu rücken und mehr publik zu machen, damit die Barber Angels weltweit wachsen können.

Bist du gläubig?
KF:
Ja schon, aber ich habe nicht direkt etwas mit Religion „am Hut“. Ich bin des festen Glaubens, dass jede Kleinigkeit, die man Gutes tut, Gutes zurückbringt.

Wir gratulieren zum GOLDENE BILD der FRAU Award. Wo wird der stehen?
TF:
Danke. Diese wunderschöne, kleine goldenen Dame wird bei uns zuhause stehen, sie ist ja ein Frauenpreis. Die 10.000 Euro Preisgeld, die mit ihr verbunden sind, kommen den Barber Angels zugute.

Hat das Preisgeld schon eine Bestimmung?
TF: Da wir zu 100 % ein Non-Profit Verein sind, bedeutet das, dass wir unsere Einsätze - die Reisen, aber auch Zelte oder Versicherungen für die Friseure- selbst finanzieren. Deshalb sind wir auf Unterstützer und Spenden angewiesen. Die 10.000 Euro werden sicherlich zu einem Großteil in weitere, dringend benötigte Pavillons fließen. Wir unterstützen aber auch unsere Partnerländer, denn im Moment agieren die Barber Angels lediglich in Österreich und Spanien unter eigener Lizenz.

„Wir verwenden medizinische Waschhauben und haben spezielles Laus- und Flohmittel dabei.“

Wenn ihr in Kirchen oder Notunterkünften stylt - macht ihr da ausnahmslos Trockenhaarschnitte?
KF:
Wir verwenden Waschhauben aus der Medizin, die beispielsweise bei Operationen am Kopf zum Einsatz kommen. Diese sind innen feucht und beim Massieren des Kopfes werden Tenside freigesetzt, die Haare und Kopfhaut reinigen. Immer dabei haben wir auch ein spezielles Laus- und Flohmittel. Im Fall des Falles können die Leute ohne großes Aufsehen von uns separat behandelt werden. Da wir alle paar Wochen wieder vorbeikommen, ist das nicht schlimm, dann gibt es den Haarschnitt eben beim nächsten Mal.

Wie ist das mit Corona?
KF:
Wir haben natürlich ein entsprechend hohes Hygienekonzept entwickelt – Fort Knox, könnte man sagen. Wir müssen auf alles vorbereitet sein, du weißt ja nicht, ob jemand z.B. Hepatits C hat. Menschen, die auf der Straße leben, haben ein komplett anderes Immunsystem und vertragen krasse Sachen. Davor müssen wir unsere Friseure und Gäste schützen.

Hast du manchmal Berührungsängste?
KF:
Nein, nie. Manche Menschen haben nicht die Möglichkeit sich regelmäßig zu duschen. Ich mache da keine Unterschiede. Wenn es nur das ist, ist es nicht schlimm. Ich möchte jedem, dem ich Haare und Bart schneide, ein Gefühl der Menschlichkeit geben und das Gefühl gemeinsamer Augenhöhe.

Wie nah gehen dir diese Schicksale?
KF:
Manchmal denkt man, alles ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wenn man am untersten Glied der Kette agiert, spürt man, dass man etwas bewirken kann. Wir können menschliche Wärme geben und manchmal helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Es ist traurig, dass 2,5 Millionen Menschen in Deutschland keine Wohnung bzw. nicht genügend zu essen haben. Hinzu kommen die vielen Steine, die diesen Menschen in den Weg gelegt werden, gerade bei Beamtengängen. Eigentlich müsste die Politik etwas tun, denn die kann die Gelder freigeben.

Barberlady Tina on stage für Varga Hair International bei der HAARMANIA 2021 in Salzburg | C: Chris Hofer für imSalon

Wenn du dann, wie bei der Verleihung des GOLDENE BILD der FRAU Awards, zwischen all den Promis sitzt… wie fühlt sich das an?
KF:
Klar denkt man: Mein Gott haben wir nicht alle zu viel? Aber wir sollten kein schlechtes Gewissen haben, denn wir arbeiten auch dafür. Allerdings sollten wir auch abgeben, denn wir haben das Glück, dass der Kelch an uns vorbei zu gehen scheint. Und das tun die Leute bei solch einer Veranstaltung ja auch: abgeben.

Warum tragen die Barber Angels Motorradkluft?
KF:
Die Kluft nimmt den Menschen auf der Straße Hemmungen. Wir Friseure sind gern individuell und ziehen uns gern schick an. Auf der Straße würde keiner der Leute zu uns Vertrauen aufbauen. Deshalb sind die Motorrad-Kutten perfekt, sie brechen das Eis auf.

„Mir ging es selbst so. Als Jugendliche bin ich drei Tage auf der Straße gewesen.“

Ihr verhelft euren Gästen zu einer äußeren Veränderung – wie schaut das mit der inneren aus?
KF:
Viele unserer Gäste, die zu uns kommen, sind verzweifelt. Aber auch froh, jemanden zu treffen, der ihnen zuhört und manchmal auch einen Tipp geben kann. Weißt du, jeder Barber Angel hat seine eigene Geschichte. Du wirst nicht einfach so ein Barber Angel. Wir haben in unseren eigenen Reihen Kollegen, die auf der Straße gelebt haben. Mir ging es selbst so. Als Jugendliche bin ich drei Tage auf der Straße gewesen und wusste nicht wohin. Das waren zwar nur drei Tage, aber ich kann ein wenig nachempfinden, wie sich das anfühlt kein Obdach zu haben und niemanden, zu dem man gehen kann. Ich hatte das Glück, dass Freunde mich aufgenommen haben, die meinten: „Nein Kristina, nicht DU!“ Freunde haben mich damals gerettet, aber dieses Glück haben nicht alle.

Welches Erlebnis hat dich in deiner Arbeit als Barber Angel am meisten berührt?
KF:
Das ist schwer zu sagen, da gibt es tausende Geschichten! Aber um eine zu erzählen: Eine Frau aus München, die unter schwerster häuslicher Gewalt litt, hatte es zwar irgendwann geschafft, ihren Lebenspartner zu verlassen, geriet aber trotzdem in eine Abwärtsspirale: Ihre vier Kinder wurden ihr weggenommen, sie traf die falschen Freunde, falsche Entscheidungen, hinzu kamen Drogen. Ich hatte ihr damals im Frauenhaus in München die Haare geschnitten und sie dabei so behandelt, wie ich das eben mit jeder „normalen“ Kundin auch tue. Das hat sie sehr berührt und in ihrem Selbstvertrauen bestärkt. Zwei Tage später ist sie „aufgewacht“ und hat sich gesagt, sie nimmt die Tipps an und bekommt ihr Leben wieder in den Griff. Jetzt hat sie einen gut bezahlten Job, eine Wohnung und ihre Kinder zurück. Es ist schön zu sehen, was man mit Kamm und Schere machen kann.

Was nimmst du dir aus dem Frauennetzwerk der BILD der FRAU Preisträgerinnen mit?
KF:
Das ist ein ganz besonderes Netzwerk und ich bin dankbar für viele neue Möglichkeiten. Das war jetzt erst der Anfang und ich denke, es werden einige Zusammenarbeiten zustande kommen. Die Preisträgerinnen setzen sich für die verschiedenste Projekte ein, für kranke Kinder, für Menschen mit Behinderung oder für innovative Umwelt- und Lebensprojekte. Einiges davon lässt sich mit Haareschneiden sicher verbinden.

Über Kristina Flohr

  • klassische Friseurausbildung
  • seit 5 Jahren reine Herrenfriseurin / Barbarella
  • Gastbarbarella, „rent a barber“: www.barberlady-tina.de
  • Ab November: neue Station Zürich, begrenzt auf ein Jahr bei MEMOMEN Barber Club, (https://memomen.ch/)
  • Barber-Schulungen und Showarbeit
  • Barber Angels: Gründungsmitglied (insges.8 Gründer), Centurio (Regionalleiter)

Spendenkonto Barber Angels

Volksbank Biberach
Kontoinhaber: Barber Angels Brotherhood e.V.
IBAN: DE22 6309 0100 0115 1160 01
Betreff: Spende-cutting edge-brotherhood-ev.

►Paypalkonto: Barber Angels

Der Verein "Barber Angels Brotherhood E.V." vereint mittlerweile über 400 FriseurkollegInnen und hat Ableger in Österreich, der Schweiz, in Spanien, den Niederlanden und Norwegen. Sie schneiden Wohnungslosen kostenlos die Haare und geben diesen Menschen neben einem neuen Aussehen auch Würde und Hoffnung und vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit.