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Credit: Fotolia #3480778 | Victoria Andreas

06.11.2018

Stuhlmiete verstehen: Leitfaden für Stuhlmieter

Oder: Der vorsichtige Weg in die Selbstständigkeit? Fans auf der Einen - Abwehr auf der Anderen! Für die einen ein erster Schritt in die Selbstständigkeit, für die anderen der Weg zur Schwarzarbeit. Wir haben für Sie recherchiert...

Im Vergleich zu Amerika, wo Stuhlmiete ein sehr beliebtes und weit verbreitetes Unternehmes-Modell ist, tun sich InteressentInnen von Stuhlmiete bei uns trotz steigender Nachfrage häufig schwer. Wissbegierde ist da und Stuhlmiete-Inserate auf jokira.at nehmen zu. Wir haben für euch die wichtigsten „Good to Know“-Punkte gesammelt.

Stuhlmiete – was ist das, was kann das?

Aus Stuhlmieter-Sicht:

Für (meist junge) FriseurInnen ist Stuhlmiete ein erster Schritt in die „kleine“ Selbstständigkeit, ohne große finanzielle Risiken einzugehen. Sie mieten einfach einen „Bedienplatz“ (Stuhl) in einem fremden Betrieb inklusive Mitbenützung der gesamten Salon-Infrastruktur.

Heißt: Als Stuhlmietender sind Sie ihr eigener Chef und Sie agieren auch wie ein eigener Unternehmer. Sie sind verantwortlich für Ihre Terminvereinbarungen, den Produkteinkauf, für die ordnungsgemäße Einzahlung Ihrer Sozialversicherung und haben keine Ansprüche auf bezahlten Urlaub bzw. Sonderzahlungen, wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, und noch einiges mehr:

Checkliste:

  • Zunächst müssen Sie die handwerksrechtlichen Voraussetzungen erfüllen, das heißt Sie brauchen einen Meisterbrief für die Ausübung Ihrer Friseurtätigkeit
  • Sie müssen Ihr Gewerbe anmelden
  • Sie sind selbst für die Zahlung der Sozialversicherung zuständig
  • Sie bestimmen die Bedingungen, unter denen Sie arbeiten, sprich Öffnungs- und Arbeitszeiten…
  • Sie müssen sich als Stuhlmieter selbst um Ihre Auslastung kümmern und koordinieren Ihre Termine selbst
  • Sie tragen unternehmerisches Risiko und herrschen über Ihr eigenes kleines Reich
  • Sie müssen eine Kasse führen
  • Sie sind für eine ordentliche Kostenübersicht verantwortlich
  • Sie bezahlen Kammerumlage und Steuern, ein Steuerberater wird empfohlen!
  • Sie benötigen einen eigenen Unternehmensauftritt (Logo, evt. Webauftritt, Schild vorm Salon)
  • Sie müssen sich um die Vermarktung Ihres Unternehmens kümmern
  • Sie dürfen nicht mit Sonderzahlungen und finanziellen Zuwendungen rechnen
  • Sie müssen Ihre Produkteinkauf selbst tätigen, sofern Sie nicht die Produkte des Salons mitverwenden (-> Mehr dazu siehe unter Punkt „Produkte“)

Vorwurf Scheinselbstständigkeit

Was ist Scheinselbstständigkeit?

Scheinselbstständigkeit tritt dann in Kraft, wenn die Trennung zwischen dem Stuhlvermieter und –mieter nicht strikt vollzogen wird und sich daraus ableiten lässt, dass es sich um ein Angestelltenverhältnis des Stuhlmieters handelt zum Zweck Sozialversicherung zu sparen und Schwarzarbeit zu verschleiern.

Wie verhindere ich Scheinselbstständigkeit?

Wichtig ist die 100 prozentige Trennung und Anmeldung der beiden Unternehmen. Zur Trennung, die von außen ersichtlich sein muss, gehört auch die Anbringung der Logos Ihres bzw. aller Stuhlmieter vor dem Salon. Ebenso unterliegen Stuhlver- und -mieter der korrekten Einzahlungspflicht der Sozialversicherungsbeiträge, sowie Steuern und es besteht die Erfordernis über eine individuelle, ordnungsgemäße Buchführung.

Was kann passieren, wenn ich als „scheinselbstständig“ geoutet werde?

Bei einer Steuerprüfung durch das Finanzamt oder Überprüfung durch die Krankenkasse, die in den meisten Fällen die Kontrollorgane darstellen, werden die Finanzen des Salons genau unter die Lupe genommen. Stichwort: Schwarzarbeit! Ein erstes Indiz für Scheinselbstständigkeit ist, wenn sich zum Beispiel eine Differenz zwischen dem tatsächlichen Materialverbrauch und dem in Ihren Aufzeichnungen ergibt. Gefährlich wird es, wenn es sich eigentlich um ein Angestelltenverhältnis des Stuhlmieters im Salon handelt und Sozialversicherungsbeiträge seitens des Stuhlvermieters unterschlagen wurden, denn dies hätte erhebliche Auswirkungen für Stuhlvermieter UND -mieter. Im schlimmsten Fall könnte man zur Zahlung bis zu 5 Jahren rückwirkend belangt werden.

Bundesinnungsmeister Wolfgang Eder meint: „Es muss als Stuhlmieter klar ersichtlich sein, dass man ein eigenes Unternehmen ist. Das beginnt schon bei grundlegenden Dingen, wie zum Beispiel der Anmeldung, der selbstständigen Buchführung und Einzahlung seiner Sozialversicherungsbeiträge, dem selbstständigen Produkteinkauf usw. Auch die klar ersichtliche Präsentation nach außen hin mit eigenem Logo ist sehr wichtig. Die Mitbenützung der Infrastruktur hingegen ist im Mietpreis inkludiert, muss aber vertraglich abgeklärt sein.“


Thema: Produkte

Szenario 1: Produkte des Saloninhabers mitbenützen – geht das?

Wenn man sich mit der Salonmarke identifizieren kann, besteht die Möglichkeit die Produkte des Salons mitzubenützen.

Dabei gibt es aber vieles, das Sie unbedingt beachten bzw. gemeinsam mit dem Stuhlvermieter bereden müssen (am besten vor der vertraglichen Fixierung, damit es zu keinem unschönen Erwachen kommt):

  • Wie wird die Verrechnung geregelt: Zahlen Sie die Produkte pro verwendeter Flasche oder wird mit einem Pauschalpreis verrechnet? Gibt es eine Strichliste für verwendete Produkte? Wiegen Sie die verwendete Farbe ab?
  • Herrscht eine gewisse Vertrauensbasis zwischen Ihrem Vermieter und Ihnen? -> Diese ist bei einer Strichliste nämlich unumgänglich!
  • Wie verrechnet der Stuhlvermieter den Produktpreis? Zahlen Sie den Einzelhandelskaufpreis? Gibt es Rabatte? Mit oder ohne Aufschlag?
  • Wichtiger Punkt: Produktlager? Gibt es ein gemeinsames Lager? Haben Sie die Möglichkeit Ihre Produkte zu versperren?
  • Produktverkauf an Kunden: Wie wird verrechnet?

imSalon-Tipp:

Tipp für eine akkurate Produktverrechnung vom Wiener Salonbesitzer Bertram K.: „Ich habe wirklich einmal geschaut, wie viele Pumphübe sich aus einer Shampoo- oder Conditionerflasche ausgehen und dann habe ich den Preis eines Pumphubes berechnet. Anhand einer Strichliste über die Pumphübe der einzelnen Produkte habe ich mit meinen Stuhlmietern einmal monatlich die Produkte abgerechnet.“

Szenario 2: Meins, meins, meins – Die eigenen Produkte mitnehmen

Können Sie sich mit der Salonmarke überhaupt nicht anfreunden oder sind Sie einfach schon zu sehr an Ihre Produkte gewöhnt, dann können Sie Ihre Produkte als Stuhlmieter auch in den Salon mitnehmen. Sofern Sie das vorab mit dem Stuhlvermieter geklärt haben und Sie beide d’accord sind, darf Ihnen der Stuhlvermieter seine Produkte nicht aufzwingen. Beachten Sie, wenn Sie Ihre eigenen Produkte verwenden, dass Sie selbstständig für die rechtzeitige Produktbestellung und die ordnungsgemäße Buchführung darüber verantwortlich sind.

Auch bei diesem Szenario gibt es einige Punkte, die Sie nicht außer Acht lassen dürfen:

  • Wie regeln Sie die Logistik der beiden Produktlager?
  • Gibt es einen eigenen, absperrbaren Abstellraum oder Kasten für Ihre Produkte?
  • Wie bringen Sie Ihre Marke im Salon ein? Wie bzw. wo visualisieren Sie diese?
  • Verkaufen Sie diese Ihren Kunden?
Goldwell

 

 

imSalon Tipp:

Wenn Ihr Mieter eine sichere Aufbewahrung seiner Produkte möchte, empfehlen wir einen abschließbaren Trolley!

Folgendes Modell haben wir für euch gefunden:

Teilweise absperrbarer Kunststoff-Arbeitswagen von Goldwell:

► Erhältlich über Goldwell oderFriseureinrichtung la max

 

Das sagt die Innung:

„Man kann als Stuhlmieter die Produkte des Saloninhabers mitbenützen, aber es müssen exakte Aufzeichnungen über die verwendeten Waren erfolgen, um diese dann auch abrechnen zu können. Der einfachste Weg ist also, wenn man den Wareneinkauf selbst tätigt und seine eigenen Rechnungen bezahlt,“ rät Innungsmeister Eder.

Idealerweise hat also der Stuhlmieter und -vermieter seine eigene Warenwirtschaft und sein eigenes Warenlager. Wenn das aus Platzgründen nicht möglich ist, sollten die Vorräte eindeutig dem jeweiligen Unternehmen, also dem Stuhlmieter oder -vermieter zuzuordnen sein. Nur dann ist die jährliche Inventur korrekt möglich.

Die wichtigsten To Do’s als Stuhlmieter auf einen Blick:

  • Als Stuhlmieter treten Sie als Einzel- oder Kleinunternehmer auf und Sie müssen Ihr Gewerbe anmelden
  • Besprechen Sie vor der schriftlichen Vertragsunterzeichnungen mit Ihrem Stuhlvermieter über Punkte, wie z.B.
    - Mietpreis
    - Nebenkosten
    - Kündigungsfrist
    - WLAN
    - Reinigung
    - Öffnungszeiten und Nutzungsumfang der Saloninfrastruktur (Kassabereich, Service (Kaffee und Getränke), Wartebereich, Zeitschriften, Mitbenützung der Lehrlinge im Salon)
  • Sie zahlen selbst Ihre Sozialversicherungsbeitrge (SVA) ein
  • Sie müssen monatliche Miete und Nebenkosten, wie Energiekosten bezahlen.
  • Sie müssen sich selbst um ihre Auslastung, ihre Kunden, Ihre Termine kümmern
  • Thema Produkte: Selbstständiger Produkteinkauf oder monatliche Produktabrechnung bei Mitverwendung, Produktlagerung
  • Sie bestimmten Ihre Öffnungszeiten / Arbeitszeiten
  • Sie sind selbst für Werbung, Marketing, Aktionen, Logo zuständig
  • Sie erhalten keine Sonderzahlungen und haben keinen Urlaubsanspruch
  • Für geplante Auszeiten müssen Sie sich einen Finanzpuffer zulegen

„Steps“ zur Stuhlmiete

Gewerberechtlich gelten für Stuhlmieter die gleichen Voraussetzungen wie für Saloninhaber. Sie benötigen den Abschluss der Meisterprüfung, sowie die Zulassung zum Gewerbe, also den Gewerbeschein bevor Sie Ihr Unternehmen bei der Gewerbebehörde anmelden.

► Mehr Informationen dazu erhalten Sie bei Ihrer Landesinnung oder beim Gründerservice der Wirtschaftskammer!