Ab wann ist ein Unternehmen insolvenzgefährdet erklärt Steuerberater Dieter Derntl | Credit: Martin Steiger

04.12.2020

Insolvenzgefährdet? Der 31.März 2021 wird entscheidend!

Die Corona Schonfrist für Stundungen ist im neuen Jahr voraussichtlich zu Ende. So erkennt man rechtzeitig, dass man handeln muss, erklärt uns Steuerberater Dieter Derntl, …

Steuerberater Dieter Derntl hat bereits viele Unternehmen vor der Insolvenz bewahrt oder aus der Insolvenz geführt. Die Fehler am Weg zur Insolvenz sind dabei immer die Gleichen Verweigerung, Verschleierung und Verständnislosigkeit…

Warum haben alle vor dem 31. März 2021 Angst?
Dieter Derntl:
Aus heutiger Sicht enden am 31.März alle Corona-bedingten Zahlungserleichterungen.  Also alles, was 2020 gestundet wurde ist am 31.März 2021 zur Zahlung fällig. Wenn ich nicht so viel Geld in der Tasche habe, um all das zu zahlen, dann sollte ich mir schleunigst einen Termin mit dem Steuerberater vereinbaren.

Wie soll ein Unternehmer das im Lockdown schaffen?
DD:
  Das ist vollkommen unabhängig vom Lockdown. Es ist sowohl am Finanzamt als auch am Gebietskrankenkassenauszug zu sehen, wieviel man schuldet. Wenn da 50.000 € stehen und der Unternehmer diese nicht auf dem Sparbuch oder im Überziehungsrahmen hat, dann ist man in der drohenden Zahlungsunfähigkeit ! 

„Sofortkredite sind eine von der Regierung bewusst projizierte Fata Morgana“

Was ist mit den Sofortkrediten des AWS ?
DD:
Das ist eine von der Regierung bewußt projizierte Fata Morgana, die gibt es nicht.  Es gibt eine einzige Ausnahme, wo die Rückzahlbarkeit eines Kredits nicht vom AWS geprüft wird, dass ist der Überbrückungskredit vom AWS. Da den Antrag darauf aber nur eine Bank stellen kann, muß der Unternehmer zuerst seine Hausbank davon überzeugen ! Der Staat garantiert nur der Bank 100% Ausfallshaftung als Business Angel.  Alles andere kann man vergessen.

Also das mit der Insolvenz liegt jetzt über einigen Köpfen, was ist das Hauptproblem?
DD:
  Der einzelne Unternehmer schläft häufig zu lange schlecht, knirscht lieber mit den Zähnen, als zu handeln und wacht auf, wenn es zu spät ist. Er hat in der Regel ein gutes Gespür für seine Lage aber unangenehme Tatsachen werden eben gerne beiseite geschoben und dadurch viel zu spät gehandelt.

Was ist ein sicheres Signal, dass man in die Insolvenzgefährdung läuft?
DD:
Wir unterscheiden die Signale für unterschiedliche Krisen. Je nach Signal ist es eine potentielle, latente oder akute Krise.

Eine potentielle Krise ist noch nicht an Zahlen des Unternehmens festzumachen. Ein eindeutiges Signal dafür ist, wenn der Unternehmer kein klares Konzept für die nächsten ein, zwei Jahre nennen kann.

Eine latente Krise erkennt man leicht an den Zahlen der Buchhaltung. Signale dafür sind unter anderem sinkender Umsatz, sinkender Gewinn oder der bis zum Anschlag ausgenützte Überziehungsrahmen. 

Eine akute Krise hängt immer mit Geld zusammen, also Liquidität. Wenn jemand Rechnungen nicht mehr pünktlich zahlen kann oder vereinbarte Raten, beispielsweise vom Finanzamt, nicht mehr bedienen kann, dann ist es bereits zu spät. Dann ist der Stein schon halb den Berghang hinunter.

Nun sind wir aber in der Corona Zeit und bei sehr vielen schrumpft gerade der Ertrag, sind jetzt alle latent in der Krise?
DD:
Nein, das gilt für reguläre Wirtschaftslagen, also wenn ich unter normalen Bedingungen Rückgänge verzeichne, dann mache ich etwas falsch.

Aber wir haben nun Corona?
DD:
Auch in dieser Lage müssen wir uns auf die akute Krise konzentrieren. Allerdings gibt es auch hier 4 Stadien:

Zahlungsunfähigkeit (ich kann eine fällige Rechnung nicht zahlen), drohende Zahlungsunfähigkeit (ich weiß bereits, daß ich bald nicht mehr zahlen kann), Zahlungseinstellung (ich will nicht zahlen als willentliche Entscheidung, wenn man vor der Insolvenz steht, da geht es dann um Gläubiger Bevorzugung / Benachteiligung und Zahlungsstockung (ich werde bald wieder pünktlich zahlen können).

„Wenn man für irgendetwas Raten beantragen muss,
dann stimmt schon etwas nicht.“

Das ist ziemlich kompliziert, kann man das nicht vereinfachen?
DD:
Leider ist das Insolvenzrecht sehr komplex, aber vereinfacht: Wenn man für irgendetwas Raten beantragen muss, dann stimmt schon etwas nicht.

Das machen doch viele Unternehmen?
DD:
Es ist etwas anderes, ob ich ein Darlehen für eine langfristige Investition aufnehme oder ob ich eine Zahlung ans Finanzamt habe, von der ich wusste, dass sie kommt.
Wenn ich etwas, das aus dem laufenden Betrieb zu zahlen ist, nicht zahlen werde können, dann bin ich zahlungsunfähig und die Art, wie ich finanziert bin, stimmt nicht.

Eine Ratenvereinbarung kann aber kurzfristig helfen.
DD:
Man muss als Unternehmer sehr genau darauf aufpassen, dass man nur bestellt was man auch zahlen kann ! Wenn ich als Unternehmer eine Leistung bestelle, von der ich weiß, die kostet € 2.000, die ich aber gar nicht zahlen kann, dann ist das Betrug.
Ich kann ja auch nicht ins Wirtshaus gehen und ein Bier bestellen ohne Geld dabei zu haben. Das ist Betrug.
Einen Unterschied macht es, wenn ich das vorher anspreche und mit dem Wirt eine Ratenvereinbarung ausmache.

Ab wann muss ich denn dann aktiv Insolvenz anmelden?
DD:  
In dem Moment, wo ich erkennen KANN, dass ich eine fällige Zahlung nicht zahlen kann, beginnt die Corona Frist mit maximal 120 Tagen (sonst 60 Tage) in der ich einen Insolvenzantrag stellen muss. Die Frist darf ich nur benutzen um alles zu tun doch noch zahlen zu können. Sonst begehe ich bereits Konkursverschleppung.

„…dann ist der Porsche Geschichte.“

Was passiert, wenn ich das nicht tue?
DD:
Dann haftet der Unternehmer/Geschäftsführer mit seinem Privatvermögen, dann ist der Porsche Geschichte.

Was ist dann Überschuldung? Wie grenzt sich das begrifflich ab?
DD:
Hier muss man zwischen Menschen und Kapitalgesellschaften unterschieden. Für eine natürliche Person tritt Insolvenz mit Zahlungsunfähigkeit ein.
Die Kapitalgesellschaft braucht Eigenkapital, sobald dieses verbraucht ist, ist sie überschuldet. Kann der Geschäftsführer beweisen, dass die Gesellschaft trotzdem zahlungsfähig ist, muss er keinen Insolvenzantrag stellen. Sonst hat er derzeit 120 (sonst 60) Tage Zeit Insolvenz anzumelden.

Wann hätte der Unternehmer erkennen können, dass er zahlungsunfähig ist?
DD:
Leider ist vielen Unternehmern nicht bewußt, dass es ihre Pflicht ist jeden Tag zahlungsfähig zu sein ! Gelingt es nicht durch Ratenvereinbarungen oder Kredite binnen 120 Tagen wieder zahlungsfähig zu sein, muss er Insolvenz anmelden. Das Insolvenzrecht möchte dadurch einerseits unnötige Konkurse vermeiden, andererseits kaputte Unternehmen rasch vom Markt nehmen.

„Der Kardinalfehler ist, dass viele Unternehmer keine Ahnung haben, was sie nächsten Monat verdienen sollten.“

Nochmal zu Corona, aktuell kämpfen viele Unternehmer mit der Frage, wie zahle ich meine Rechnungen?
DD:
Der Kardinalfehler ist, dass die meisten Unternehmer keine Ahnung haben, wieviel sie im nächsten Monat verdienen müssen um alle Rechnungen zu bezahlen. Damit haben die meisten keine Ahnung, ob sie bereits vom Weg abgekommen sind. Wer wenigstens einen groben Plan hat, der kann damit navigieren.

Aber das ist doch in der aktuellen Corona-Situation nicht so leicht.
DD:
Das sagt jeder und das immer!  Meine erste Frage im Beratungsgespräch ist: Was sind denn ihre Kosten nächsten Monat? Diese Frage können viele trotz Erfahrung nicht beantworten, aber genau diese Zahl benötige ich, um einen Soll-Umsatz zu planen. Dann weiß ich, so viel Umsatz muss ich machen, um diese Kosten zu decken.

Aber wenn im Moment die Kunden ausbleiben?
DD:
  Gute Unternehmer reagieren rechtzeitig. Sie haben einen Plan, erkennen die Abweichung und handeln. Ob ich aus Faulheit, mangelndem Überblick oder Corona zu spät dran bin, spielt keine Rolle.
 
Fixkosten sind Fixkosten, egal ob ein Kunde reinkommt oder nicht.
DD:
  Dafür gibt es eine Berufsunterbrechungsversicherung, die leider viel zu wenige Unternehmer haben. Breche ich mir den Finger und kann deswegen meinen Beruf nicht ausüben, ersetzt mir die Versicherung den Verdienstentgang.

Was mache ich, wenn ich merke ich schlittere in die Insolvenz?
DD: S
ofort zum Steuerberater gehen und professionelle Beratung holen. Der Steuerberater kann die Zahlen lesen und am schnellsten die nötigen Schritte einleiten.

Was sind die nötigen Schritte?
DD:
Die Buchhaltung muss aktuell und richtig sein. Einen täglichen Finanzplan für die nächsten vier Wochen aufstellen und einen wöchentlichen für das nächste halbe Jahr. Das kostet Zeit und Geld. Es ist aber der einzige Weg vielleicht den Porsche zu behalten und nicht wegen Insolvenzverschleppung mit dem Privatvermögen zu haften.

 „Dann muss er genau das machen, was er immer vermieden hat, nämlich einen Finanzplan erstellen.“

Und was macht dann der Unternehmer?
DD
: Dann hat der Unternehmer unglaublich viel zu tun, dass er keine Zeit mehr zum Plärren hat. Dann muss er genau das machen, was er immer vermieden hat, nämlich mit seinem Steuerberater den Finanzplan erstellen. Das geht nur gemeinsam.

Wozu ?
DD
: Stelle es dir praktisch vor: Der Unternehmer ruft den Steuerberater an und sagt „Stunden Sie bitte alles beim Finanzamt und für die noch offenen Nachzahlungen von vor zwei Jahren vereinbaren Sie bitte Ratenzahlungen. Die Raten bei der Sozialversicherung beantrage ich selbst“. Spätestens jetzt weiß jeder Steuerberater, da brennt der Hut lichterloh.

Was machst Du dann als Steuerberater?
DD:
  Als Steuerberater versuche dann ganz simpel zwei Dinge mit dem Klienten festzustellen:
1. Wieviel ist er wem schuldig und wann kann er zahlen.

2. Ergibt es überhaupt Sinn morgen den Betrieb noch zu öffnen oder verbrennt er dadurch zusätzliches Geld? Also: Schade oder nutze ich dem Gläubiger ?

Erst wenn das Rechenwerk auf dem Tisch ist, kann entschieden werden, ob es eine Möglichkeit gibt den Betrieb fortzuführen, mit oder ohne Insolvenzverfahren oder muss ich gleich zusperren.

Wenn herauskommt, dass jeder Tag, den ich offen habe, die Gläubiger schädigt, dann muss ich sofort   zu Gericht gehen und einen Insolvenzantrag stellen.

Wie ist deine Erfahrung?
DD:
Naja, in der Praxis wird im Vorfeld gerne verschleiert, zum Beispiel werden Belege zurückgehalten. Das ist menschlich. Keiner sagt gerne, ich bin pleite. Das fällt einem aber heftig auf den Kopf. Deshalb warne ich dringend davor !Wenn Sie schlecht schlafen, sagen Sie’s wenigstens ihrem Steuerberater, der hört zu und wird ihnen helfen.
 

Lieber Dieter, vielen Dank für diesen Exkurs ins Insolvenzrecht


Dieter Derntl
leitet die renommierte Steuerkanzlei Interrevision in Wien und ist seit 30 Jahren auf die Beratung kleiner und mittlerer Unternehmen erfolgreich spezialisiert. Wir freuen uns Herrn Dieter Derntl als beratenden Fachmann für Steuer- und Unternehmerangelegenheiten regelmäßig zu Rate zu ziehen zu können.