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21.03.2017

Friseure wollen gefragt werden

Der Besuch von Bundeskanzler Kern und Bildungsministerin Hammerschmid in der Berufsschule für Lehrfriseure vergangene Woche widerstrebt Friseuren gewaltig!

Die einen nennen es "Augenauswischerei" und politischen Stimmenfang, die anderen sehen einen politischen Missbrauch darin, den Lehrlingen auf diese Weise Politik näher bringen und das Berufsimage der Friseure dadurch verbessern zu wollen.
Worin sich die Friseure, deren Feedback wir auf den Bundeskanzler-Bericht erhalten haben, einig sind, ist die Tatsache, dass die Unternehmer gefragt werden wollen, wenn es um Reformen für den Lehrberuf geht. Dass in diesem Fall selbst Innungen nicht involviert waren, können Sie im Kommentar von BI Wolfgang Eder nachlesen.

Wir haben für Sie ein paar ausdrucksstarke Rückmeldungen zusammengefasst.
 

"Wünsche mir engere Zusammenarbeit mit UnternehmerInnen"

Verärgert von der Idee, durch einen Besuch des Bundeskanzlers in der Berufsschule den Lehrlingen Politik näher zu bringen und das Berufsimage in der Öffentlichkeit aufzubessern, ist Dipl. Päd. Martin Klinka. Für den Berufsschullehrer in Wien wurde diese Situation politisch schamlos ausgenutzt.
Wofür sich Martin Klinka deutlich ausspricht, sind alle Vorhaben, die zur Verbesserung des Berufes und der Lehre beitragen. Die Berufsschulstundenanzahl zu erhöhen, sei jedoch für UnternehmerInnen wiederum schwer tragbar.
"Ich würde mir ein engeres Zusammenarbeiten zwischen Berufsschulen und UnternehmerInnen wünschen und nicht wie es jetzt ist, ein Auseinanderreißen durch politische Entscheidungen. Dem Kollektivvertrag gehört ein Update verpasst, sodass die Lehre wieder positive Anreize für Jugendliche bietet", teilt der Berufsschullehrer mit.

"Der Besuch ist eine Augenauswischerei und Stimmenfang!"


Eva Schärfl von "Peter's Hairstyling" sieht keinen Sinn darin, die Stundenanzahl in der Berufsschule zu erhöhen.
"Es gibt so viele Fächer, die mehr als unnötig sind. Dafür wird zu wenig Zeit in Fachkunde und Praktika investiert. Warum sollen die Betriebe jetzt für ihre Lehrlinge mehr zahlen, wenn sie weniger im Betrieb im Einsatz sind und nicht viel Berufsrelevantes lernen? Nur damit der Berufsschullehrer seinen Job nicht verliert? Das sehen viele Friseure nicht ein", sagt die Friseurin verärgert und schlägt vor, dass Politiker mehr mit Friseuren selbst sprechen und fragen sollten, wenn sie etwas bewirken und verändern möchten.
Zum Besuch des Bundeskanzlers und der Bildungsministerin findet Schärfl folgende Worte: " Für mich ist das eine Augenauswischerei und ein Versuch Stimmen zu gewinnen, aber kein Ansatz, der weiterhilft."
 

"Schlechte schulische Vorbildung als Rechnung für unser katastrophales Schulsystem"


"Die Verlängerung der Berufsschulzeit sehe ich extrem skeptisch und wird die Bereitschaft Lehrlinge auszubilden nicht unbedingt fördern, für die meisten wird das schlicht und einfach nicht zu finanzieren sein", erklärt Roman Höllinger von HAARKULT und fügt hinzu: "Mit dem Standard der Bildung ist es für Lehrlinge jetzt schon kaum möglich die Berufsschule positiv abzuschließen. Das liegt an der schlechten Vorbildung, die wiederum die Rechnung für unser katastrophales Schulsystem ist!"
Der Kopf von HAARKULT in Wels sieht die Maßnahme der Stundenerhöhung als reine Arbeitsbeschaffung für die Berufsschule, auch aufgrund der schwindenden Zahlen an Lehrlingen.
Für Lehrlinge wiederum, die sich ja ursprünglich für das Arbeiten und Geld verdienen entschieden haben, wäre eine Stundenerhöhung kein Ansporn mehr, eine Lehre zu ergreifen.
 

"Verlängerung der Berufsschule heißt nicht automatisch Verbesserung"


Franz Stumptner vom Salon "Haarschneider Franz" in Linz lehnt eine zusätzliche Beschulung mit irrelevanten Fächern für den Beruf ab. Ein Vorbild liefert für ihn die Projektklasse Oberösterreich, die von ihm und Birgit Mosser ins Leben gerufen wurde. Dort werden nämlich 120 Stunden mehr aufgewendet, jedoch Flexibilität groß geschrieben.
"Eine Verlängerung der Berufsschulzeit heißt nicht automatisch eine Verbesserung, aber in unserem Fall, wie bei dem tollen Projekt in Spittal/Drau auch nicht gleichzeitig eine Verschlechterung. Es kommt auf die Inhalte an", so Herr Stumptner.
Für ihn als Lehrbetrieb ist es wichtig, den Lehrlingen Freude und Spaß am Handwerk zu vermitteln, was in der Lebensphase von 16 bis 18 Jahren nicht immer einfach ist. Die Jugendlichen noch stärker mit kognitivem Wissen zu überfluten, wäre kontraproduktiv. Den Boom des Handwerks sieht Franz Stumptner positiv, jedoch müssen Institutionen wie die Berufsschule moderner werden, um sich nicht selbst abzuschaffen.
"Ich sage eindeutig Ja zu mehr Zeit in der Berufsschule, aber auch ein klares Nein, wenn es sich dabei um den alten Lehrplan handelt, auf den unsere Innung seit Jahren besteht. Die Zeit fordert Flexibilität und keine Starrsinnigkeit", gibt Herr Stumptner abschließend zu bekennen.
 

"Für mehr Schulstunden sollte der Staat bezahlen"


Auch Werner Mayr vom "Hairteam Werner" aus Vöcklamarkt steht der Lehrreform mit einem geplanten Mehraufwand von 60 Stunden skeptisch gegenüber.
"Lehrlinge im ersten Lehrjahr verbringen drei Monate in der Schule, haben Anspruch auf fünf Urlaubswochen und noch Krankenstand. Das sind fünf Monate, die Lehrlinge nicht im Betrieb sind, wir aber dennoch 14 Lehrlingsgehälter bezahlen. Wenn mehr Berufsschulstunden eingeführt werden, dann soll dafür der Staat bezahlen und nicht der Unternehmer", offenbart der Friseur aus Oberösterreich.
Als Vorreiter sieht Werner Mayr die Eliteschule der Friseure in Linz, da diese Lehrlinge eine fachlich fundiertere Ausbildung genießen und das ist für Mayr die Quintessenz der Branche.
"Wir sind ein kreativer Beruf und das soll auch so bleiben! Aber wenn mehr Reformen in diese Richtung kommen wird der Lehrberuf bald aussterben", meint der Friseurchef des "Hairteam Werner" abschließend nachdenklich.