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30.09.2015

Dietmar Koschitz über Image, Innung, Branchenpartnerschaft

Wünschenswerte Transparenz, betriebliche Bringschuld, friseurexklusive Produkte, unterstützende Partnerschaften. Wir trafen Dietmar Koschitz, Kärntens Innungsstellvertreter auf ein paar Gedankensprünge ...

Er stellte sich mit 15 Jahren selbst den Anspruch, die Matura zu machen und setzt sich seit mittlerweile über 20 Jahren in der Innung dafür ein, dass das Ansehen der Friseure sich bessert und die Ausbildung vorangetrieben wird. Was denkt er über Transparenz in der Innungsarbeit? Wofür plädiert er bei Kollegen? Und was hat es mit seinem Wunsch auf sich, wirkliche Partner an seiner Seite haben zu wollen? Wir fragten nach.
 

Fakten:

1 Salon in Spittal/Drau

insgesamt 13 Mitarbeiter | 2 Lehrlinge

seit 1985 Unternehmer und Lehrlingsausbilder

Landesinnungsstellvertreter Kärnten | seit 20 Jahren in der Innung




imSalon: Dietmar, wir treffen uns hier nicht Kärnten sondern in St. Petersburg. Du bist auf Kundereise mit Estel. Was macht die Reise für dich aus?
In erster Linie, dass ich neue Leute kennenlerne und über den Tellerrand schauen kann. Ich habe in den zwei Tagen hier, neben Sightseeing und Veranstaltungsprogramm, tolle Gespräche mit Kollegen geführt. Sehr ehrlich, sehr korrekt, ohne zu flunkern. Ich finde es toll, dass wir als Reisegruppe Deutschland – Polen – Österreich, die Möglichkeit dazu hatten.

imSalon: Du bist das erste Mal in Russland. Wie gefällt dir St. Petersburg?
Persönlich habe ich jetzt ein anderes Bild von Russland. Obwohl St. Petersburg nicht gleich Russland ist, das muss man auch sagen. Es ist wirklich das Venedig des Nordens, wie sie es gern nennen. Man spürt die Liebe zur Hochkultur, die der Zar hatte und die Stadt nach diesem Vorbild gestalten ließ.
 

"Industriepartner schauen zu sehr auf die kommerzielle Seite, nicht mehr auf Prestige und Exklusivität."



imSalon: Lev Okhotin, ein Chemiker, hat die Firma Estel zur Jahrtausendwende in St. Petersburg gegründet. Hier ist die Marke zu Hause, bei Farbe sogar Marktführer in Russland. Wenn man ihn erlebt, spürt man die Liebe zur Branche. Was wünschst du dir von ihm?
Dass er den Friseuren treu bleibt! Im Gegensatz zu anderen Firmen, die nicht mehr mit ihrem Herzblut auf uns Friseure und Unternehmer setzten. Denn wir brauchen einen verlässlichen, innovativen Partner, der uns unterstützt. Das kreide ich manchen Industriepartnern an, dass sie leider viel zu sehr auf die kommerzielle Seite schauen und nicht mehr auf Prestige und Exklusivität. Denn wir müssen die Dienstleistungsqualität in den Vordergrund bringen. Wir müssen die Wertigkeit stärken. Und die Lehrlinge stärken, die werden latent unterbewertet!

imSalon: Ein gesellschaftliches Problem.
Ja, nehmen wir die Schulen her! Wenn jemand länger in die Schule geht, die Matura macht, dann sagt die Bevölkerung, gut, er macht das Gymnasium, die Handelsakademie. Aber wenn jemand sagt, ich mache eine Lehre, dann ist das oft weniger wert. Und das haben wir, die Innung und auch ich, leider immer noch nicht geschafft, zu verbessern. Wir sind auf einem guten Weg. Aber wir müssen wirklich alle an einem Strang ziehen, die Partner, die Innungen, die Friseure selber.
 

"In Kärnten (...) haben wir viel erreicht, hier sind wir zeitnah."



imSalon: Du bist seit vielen Jahren in der Innung engagiert. Warum?
Weil ich der Meinung bin, dass es genügend Probleme gibt, die wir selber in die Hand nehmen müssen. Wir müssen die Dinge vorleben, ins Positive umdrehen, daran glauben, mit einem Schuss Humor und einem Schuss Naivität dabei. Ich kann nur immer wiederholen: Seit Wolfgang Eder Bundesinnungsmeister ist, hat sich wirklich viel getan.
Auch in Kärnten. Hier war es immer schon eine Spur besser, aber Georg Wilhelmer ist ein guter Netzwerker, er versteht die Dinge: Aus- und Weiterbildung, Wettbewerbe, Imagegeschichten wie „Karriere mit Schere“ - wir haben schon viel erreicht, wir sind sehr zeitnah. Auch beim Berufsbild, dem Lehrstoff in der Schule. Viel ist passiert durch das Engagement von Birgit Mosser in Spittal. Wir machen volle Salonarbeit, bieten den Lehrlingen tolle Zusatzqualifikationen außerhalb der Schulzeit an, die sie später bei ihren Bewerbungen vorlegen können. Da gibt es Seminare mit Andreas Paischer, Schnittseminare mit der Hohenauer Academy, den Wella Master of Color oder Vorträge, z.B. mit Raphaela (Kirschnick, Anm.). Hier arbeitet Birgit sogar mit Psychologen zusammen, die sie einen Tag lang in die Schule holt, weil die jungen Leute sich dann leichter öffnen. Und nicht zu vergessen, der
Welcome Day der Kärntner Lehrlinge! Das ist jetzt regional in Spittal, aber da kann ich sie durch die Innung gut unterstützen.

imSalon: Wie wird dieses besondere Engagement von anderen Schulen gesehen?
Das wird sicher kritisch gesehen. Aber Birgit hält das gut aus. Sie arbeitet wirklich sehr viel. Und ein Lehrer, der das selbst nicht so möchte, könnte eventuell sagen, du tust zu viel!

imSalon: Das ist jetzt eine Vermutung?
Natürlich. (Lacht)

imSalon: Du stammst aus einer Friseurfamilie, hast aber, trotz deines jetzigen Berufs, zuerst die Matura gemacht.
Ja, ich habe es ja anders herum gemacht, erst Matura, dann die Lehre. Das war von meinen Eltern gut einfädelt. Mit 15 Jahren ist das so eine Art Hintertürchen gewesen. Mir war klar, mit der Matura bekomm ich immer einen Job, kann BWL studieren oder sonst irgendetwas machen. Aber dann hat es mir eben unten bei Hans Zwicker in Klagenfurt so gut gefallen! Und meine HAK Matura nützt mir ja heute als Unternehmer genauso gut.
 

"Ich bin ein guter Zweiter."



imSalon: Hast du Ambitionen zum Landesinnungsmeister?
Nein, gar nicht, weil ich zu alt bin. Ich bin ein guter Zweiter, aber ich möchte nicht in erster Reihe stehen.

imSalon: Hast du manchmal das Gefühl, dein Geschäft zu vernachlässigen?
Ja, manchmal schon. Aber durch die vielen Stunden, die ich dann trotzdem im Geschäft verbringe - ich arbeite meistens von sechs bis sechs Uhr - kompensiere ich das. Eigentlich wollte ich ab 55 Jahre weniger arbeiten, aber das wird nix. Ich werde wohl mit 60 noch so arbeiten, wie heute.

imSalon: Wie schulst du deine Mitarbeiter?
Im Wesentlichen durch interne Salonschulungen.

"Friseure: Wo werden die Fachkräfte herkommen, wenn wir sie nicht mehr ausbilden?"

imSalon: Welche Wünsche hast du an deine Branchenkollegen?
Mein Wunsch an die Friseure: Dass die Entwicklung der Einzel-Personen-Unternehmungen nicht noch mehr zunimmt. Sondern, dass Betriebe die Sinnhaftigkeit in der Ausbildung erkennen. Wo werden der Nachwuchs, die zukünftigen Fachleute herkommen, wenn wir, die Profis, sie nicht mehr ausbilden?

imSalon: An die Industrie?
Dass sie die Friseure wieder mehr als wirklichen Partner anerkennen. Dass sie - abseits der Gewinne aus dem Retail - Produkte rein friseurexklusiv belassen. Damit wir die Chance haben, im Hochpreissegment mehr Geld verdienen zu können.
 

"Eine 6. Urlaubswoche bei vollem Lohnausgleich wäre für unsere Branche ein Wahnsinn!"



imSalon: An die Politik?
An den Finanzminister, Sozialminister und Wirtschaftsminister: Dass sie unsere Branche besser wahrnehmen und unterstützend einwirken! Wir Friseurunternehmer schaffen viele Arbeitsplätze und zahlen brav unsere Steuern und Abgaben. Aber, wir haben nicht den Stellenwert wie z.B. in der Industrie die Großkonzerne. Eine 6. Urlaubswoche bei vollem Lohnausgleich wäre für unsere Branche ein Wahnsinn! Zahlen wird es der Konsument und es wird wahrscheinlich auch einige Arbeitsplätze kosten.

imSalon: Und an deine Kollegen in den Innungen?
Dass wir die positive Energie, die wir jetzt haben, beibehalten. Dass z.B. der Versuch mit der neuen Modeschule in Hallein, in der sie ab diesem Jahr Visagistik und Friseur vereinen, Erfolg haben kann. Daraus könnte infolge auch eine Master- oder auch Bachelor Geschichte werden. Lehre mit Matura würde dem Image helfen. Ich sehe da keinen direkten Konflikt mit den bestehenden Berufsschulen, aber natürlich wird nicht jedes Bundesland so etwas installieren können und das muss man auch leben.
Und ich wünsche mir, dass wir den Innungsmitgliedern mehr zeigen, was wir in den Innungen tun. Ich finde auch, dass Leute wie Udo Brand, noch mehr Einfluss auf Friseure nehmen müssten oder auch die Zukunftsforscher, wie Matthias Horx. Das wäre ein professioneller Input, den wir uns noch holen könnten, über die Innungen z.B.
Und im Gegenzug haben die Betriebe eine Bringschuld! Wir können nicht alles für sie erledigen. Wir tun es gerne, ohne Hintergedanken und ehrenamtlich, aber wir müssen ihnen manchmal noch deutlicher machen, dass die auch einmal zu uns kommen und sagen, wo ihnen der Schuh wirklich drückt und nicht nur, weil sie andere anschwärzen wollen. Das Thema ist, wo geht unsere Vision, wo gehen wir hin? Gemeinsam. Darauf muss es ankommen.

imSalon: Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank für deine Zeit, die du hier in St. Petersburg genommen hast!