Marcel Egger ist Teilzeitchef und Tausendsassa
INTERVIEW

Marcel Egger ist Teilzeitchef und Tausendsassa

Chef mit Zeit für mehr und neue Mitarbeiter in Warteposition. Design Hot-Spot und unfassbare Vielfalt ...

Ein Gespräch mit Katja Ottiger

Fakten:

Familienunternehmen seit 1961 | 1991 Übernahme vom Vater
22 Mitarbeiter | 5 Lehrlinge | 22 Behandlungsplätze
Futuristischer 400 m2 Salon in Lustenau: EGGER3Hair.Beauty.Relax
Flagship-Award der Marken Redken, Olaplex, Nouba



Herr Egger, es gibt Menschen, bei denen man nicht weiß, wo man anfangen soll, weil sie so viele Facetten haben. Sie sind solch einer.
ME:
Ja? Das liegt wohl daran, dass mir Kreativität und Ideenreichtum in die Wiege gelegt wurden und es mir gefällt, sie zu nutzen.

Sie sind hauptberuflich Friseurmeister, Unternehmer und Friseur, aber auch Fotograf, Grafiker, Programmierer, Kunstmaler und Buchautor.
ME:
Ja, und um alles unter einen Hut zu bringen, bin ich praktisch Teilzeitchef. Im Salon schaffe ich Mittwoch, Freitag und Samstag. Die restliche Zeit kann ich mir frei einteilen. Das ist Lebensqualität, da bleibt Zeit mit dem Hund raus in die Natur zu gehen.

„Ich könnte drei Monate auf Weltreise gehen, kein Problem, alles würde laufen.“



Man kann also sagen alles richtiggemacht!
ME:
Genauso ist es! Die meisten Chefs machen den Fehler, dass sie alles auf sich selbst aufbauen und wenn er dann nicht da ist, funktioniert der Laden nicht. Ich könnte drei Monate auf Weltreise gehen, kein Problem, alles ist eingeteilt und automatisiert.



Sie haben 2015 an einem anderen Standort neueröffnet und sich von 100 modernen m2 auf 400 futuristische m2 verändert. Feng Shui, Farbharmonielehre, computergesteuerte Lichtpilz, runde Wände und Möbel in einem Guss. Sie waren auch Ihr eigener Architekt und Bauleiter!
ME:
Ja. (lacht) Ich bin Selbermacher. Den Architekten habe ich mir erspart. Denn nur ein Friseur kennt die Abläufe im Salon und ich hatte klare Vorstellungen von dem, wie alles ausschauen sollte. Ich wollte alles rund, sowohl das Mobiliar, als auch die Wände, keine Ecken, keine Kanten, alles offen und hell. Einen Mix aus hypermodern und rustikal. So ist die Energie im ständigen positiven Fluss. Es soll dem Rocker hier genauso gut gefallen wie der hundertjährigen Omi. Ich habe die Baupläne selbst im Computer gezeichnet und nach diesen alles von Firmen anfertigen und einbauen lassen.

Der Lichtpilz ist wirklich beeindruckend, spacig wie bei Star Trek.
ME:
Der Lichtpilz ist das Zentrum des Salons. Er ist wie ein riesiger Bildschirm mit 4.000 RGB´s. Ich kann ihn mit ruhigen, entspannenden Farb-Videos bespielen, mal mit Wasser, mal mit Feuerwerk. Das Licht soll leben, ein einfacher Farbwechsler war mir zu langweilig. Der Lichtpilz ist weltweit einzigartig, war schwierig in der Anfertigung und eine Herausforderung an alle Handwerker.(lacht)

„Es kommen auch Architekten vorbei, sich das anzuschauen, es hat nicht jeder 18x18 m Räume.“



Auch die Wände sind dreidimensional rund und aus gegossenem Corman und hat Ihnen auch Design-Auszeichnungen eingebracht?
ME:
Ja, der Salon schaffte es ins „Storebook“ 2017 und wurde alle eines der besten Retail-Architektur Leistungen gekürt. In dem Buch wurden 47 ausgewählte Projekte aus 9 Ländern und 19 Branchenbereichen von der
Architekturvereinigung "div Netzwerk" präsentiert. Darunter Designs in New York, Paris, Kuala Lumpur... und nun auch aus Lustenau. die Vielfalt der Shop-Konzepte erstreckt sich über alle Branchen, von Food bis Fashion. Neben dem 6-seitigen Bericht über den Salon kamen wir auch auf das Rückcover des Buches. Es kommen immer wieder mal Architekten vorbei, die sich das hier anschauen. Es hat ja schließlich nicht jeder 18x18m Räume zur Verfügung.



Als Sie 1991 den Salon von Ihrem Vater übernahmen, gab es da Hürden?
ME:
Aber ja! Mein Vater war vom Sternzeichen Steinbock und ich bin Widder. Also ab und zu haben die Hörnderln gekracht. Die alten und die neuen Ansichten können manchmal schwierig sein. Meine Tochter ist jetzt im 2. Lehrjahr bei uns und ich hoffe, dass sie es mit mir nicht so schwer hat.

Was empfehlen Sie bei familieninternen Übernahmen?
ME:
(lachend) Gute Nerven, Humor und Toleranz. Und, die Ansichten und Erfahrungen des Gegenübers zu akzeptieren und aus ihnen eigene Erkenntnisse zu schöpfen.

Weil Sie vorhin die Hundertjährige erwähnten, in Ihrer futuristischen Empfangshalle sitzt ein älterer Herr. Wie binden Sie denn diesen Kundestamm?
ME:
Nach dem Umbau mussten wir am Anfang unseren Kunden schon die Schwellenangst nehmen. Das haben wir, indem wir klar kommunizierten, dass sich mit den modernen Räumlichkeiten unsere Qualität, unsere Preise und auch wir uns nicht verändert haben. Die Preise gleichen wir mit der Zeit langsam an.

„Mit so einem Geschäft hast du keine Problem Kunden zu finden … und Mitarbeiter!“



Der Schrift zur Vergrößerung war mutig und hat sicherlich eine Menge Geld gekostet.
ME:
Man darf nicht immer nur den Gesamtbetrag sehen, der investiert wurde, man muss umrechnen: Was bringt mir das in der Zukunft? Umgerechnet kostet und die Vergrößerung auf 400m2, die Einrichtung und die 10 Parkplätze nur 200 Euro am Tag mehr. Das sind zwei Kunden und schon ist es drin auf 25 Jahre gerechnet. Durch die hohen Abschreibungen zahle ich auch kaum noch Steuern an das Finanzamt. Es sind die Personalkosten, die hoch sind, nicht der Salon, der zahlt sich praktisch von allein. Mit so einem Geschäft hast du keine Probleme Kunden zu finden, du hast aber auch keine Probleme Mitarbeiter zu finden. Viele Friseure verstecken sich hinter Vorhängen, das ist nicht gut. Licht muss rein und Energie muss fließen. Innen und außen. Nichts darf beengen. Die Kunden müssen sich an den Platz setzen und denken: wow!

An jedem Platz gibt es Kunden iPads – Nutzt die heut noch wer?
ME:
Naja, vor zehn Jahren, als wir damit begannen, war das noch was! Da kannten die Kinder nicht den Namen vom Salon, aber sie wussten, sie wollen zum Friseur mit dem iPad. Klar hat sich das geändert. Mittlerweile hat jeder sein Smartphone in der Tasche und ist permanent online. Man kann nach wie vor mit den Pads surfen, Frisuren raussuchen. Aber damals, als ich mit denen begonnen habe, wurden die von mir selbst programmiert, da war die gesamte Kundenkartei drauf. Und direkt vom Platz aus konnte eingeben: „Latte Macchiato bitte an Platz 12“. Die Information blinkte dann im Labor auf und eine Kollegin brachte den Kaffee. Oder nach dem Haareschneiden: „Bitte putzen“ und schon wurde geputzt.

„Kassensystem - Ich bin umgestiegen von Ferrari auf Skoda.“



Großartig! Aber warum Vergangenheit?
ME:
Seit den neuen Kassenrichtlinien darf das nicht mehr sein. Das Finanzamt erlaubt nur ein einziges Kassensystem und da wir auf den Pads auch kassieren konnten, musste ich mein Programm komplett verschrotten. Ich bin umgestiegen von Ferrari auf Skoda. (lacht)

Das schmerzt dem Programmierer in Ihnen?
ME:
Ach, ich hatte schon vor 30 Jahren die ersten Programme entwickelt und auf Friseurmessen verkauft, als die ersten Computerprogramme überhaupt rauskamen. Denn die wussten damals nicht, was ein Friseur braucht. Bei mir wurde auf den Knopf gedrückt und die Anmeldungen für die Krankenkasse wurden gleich ausgedruckt. Wenn Ware reingekommen ist, wurde gescannt und das Programm konnte automatisch beim Vertreter neue Ware bestellen, ich hatte damals schon alles automatisiert.



So ein Laden wie Ihrer zieht Mitarbeiter an. Müssen Sie überhaupt suchen?
ME:
Im Moment zum Glück nicht. Wir haben sogar eine Wartliste. Es kommen viele, die sich vorstellen. Es ist nur schwer, die Guten zu finden. Wir haben ein hohes Niveau und das Wichtigste ist die Harmonie im Team und zu den Kunden.

„30 Prozent weniger Lehrausbildung ist Fluch und Chance zugleich.“



Seit 2010 ist die Anzahl der Lehrlinge um 25 Prozent gesunken. Spüren Sie das auch?
ME:
In Vorarlberg sogar um 30 Prozent! Alle, die jetzt nicht ausgebildet werden, fehlen uns später. Deshalb ist es umso wichtiger, Lehrlinge aufzunehmen, um den Nachwuchs zu garantieren. Und doch sage ich, dass diese Entwicklung gut für die Friseurbranche ist. Denn wenn es weniger Friseure gibt, kann der preis dem tatsächlichen wert eines Haarkünstlers angepasst werden. kein Handwerker arbeitet heute noch zu einem 60 Euro Stundenlohn inklusive Steuer, Latte Macciato und psychologischem Consulting. Dann können auch die Lohne gerecht angepasst werden.

"Wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, müssen sie erst einmal ein Jahr woanders arbeiten."



Behalten Sie alle Ihre Lehrlinge nach der Ausbildung?
ME:
Nein. Wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, tut es ihnen gut, erst einmal ein Jahr in einem anderen Salon zu arbeiten. Wenn sie dann zurückkommen, werden sie von den Kunden nicht mehr als Lehrling, sondern als gleichwertige Friseurin gesehen.

Sie erteilen die Lizenz zum Zurückkommen?
ME:
Natürlich. Nach einem Jahr dürfen sie sich wieder bewerben und wenn ich Platz habe, können Sie wieder anfangen.



Vorreiter in Sachen Salon, aber auch bei Produkten. Sie arbeiten seit einem Jahr mit Maria Nila, einer hier noch nicht so bekannten Marke aus Schweden, die Sie über New Flag (Österreich GF Roland Stieder) beziehen. Warum?
ME:
Uns hat die biologische und vegane Linie überzeugt. Wir haben Kunden, die in diese Richtung denken und leben. Mit Redken können wir das nicht abdecken, deshalb haben wir einiges ausprobiert und uns dann für Maria Nila entschieden.
Was ich besonders empfehlen kann, sind die Packungen mit direktziehenden Farbpigmenten für verschiedene Farbtöne. Die funktionieren richtig gut und sind als Farbauffrischung für zu hause beliebt.

Wo liegt die Marke preislich?
ME:
Im gleichen Preissegment wie Redken.

Sind Sie Vegetarier oder gar Veganer?
ME:
Nein, genau das Gegenteil! Ich liebe es, meine Steaks auf dem Holzkohlengrill zu zelebrieren. (lacht) Und ich bin ein Haar-Chemiker, ich liebe knallige Farben und Strähnentechniken welche Leuchtkraft und lange Haltbarkeit haben.

Sie haben noch so einige Goodies, alle kann ich gar nicht aufzählen, aber was bitte ist Silberwasser-Floating?
ME:
Wasser mit Silberfäden. Das Geheimnis unseres "heilenden" Wassersystems ist die Zuführung mit Sauerstoff, Silberpartikel (Kolloidales Silber) und dem Durchfluss eines Magnetfeldes. Gemäß medizinischer Forschungen ist Kolloidales Silber ein wirkungsvolles, altbewährtes natürliches Breitspektrum-Antibiotikum. Wir verwenden es beim Waschen für die Gesundung der Haare und der Kopfhaut.



Fotografie ist eine weitere Leidenschaft von Ihnen ...
ME:
Ja, vor acht Jahren habe ich aufgrund unserer Fashion-Kollektionen angefangen selbst zu fotografieren. Ich dachte mir, das kann ich vielleicht selbst. Ich habe mir eine gute Kamera gekauft und bin in den Fotoclub (Erster Fotoclub Lustenau, Anm.) eingestiegen. Die kreative Arbeit in der Fotografie liegt mir sehr. Im letzten und in diesem Jahr habe ich jeweils den Landesmeistertitel gewonnen und bei verschiedenen nationalen und internationalen Fotowettbewerben einige Gold-Medaillien.

Ihre Bilder sind sehr künstlerisch, sind Beauty, sind Landschaft. Haben Sie Lieblingsmotive?
ME:
Ich mache alles gerne von Macro-Fotografie oder Langzeitbelichtungen einer Stadt über Fashion bis hin zu Composings. Früher war ich auch Kunstmaler und habe im deutschsprachigen Raum bei Ausstellungen und Meisterschaften mitgemacht. Und auch da hatte ich Glück und habe einige Auszeichnungen ergattern können.

Sie haben damit aufgehört?
ME:
Ja. Wenn du beim Malen im Fluss bist, dann verlierst du das Zeitgefühl und arbeitest oft die ganze Nacht durch. Als dann die Kinder kamen, hat sich das aufgehört, obwohl sich die Frage schon gestellt hatte, mache ich als Künstler weiter, denn ich hatte Anfragen von Galerien und ich musste mich entscheiden. Aber da gehört viel dazu: Leute treffen, umherreisen … das wollte ich nicht. Also abgehakt!

Sie sind ein Projektmensch, der sich immer wieder neu erfindet?
ME:
(nachdenkend) Ja schon, aller paar Jahre muss ich meinen eingeschlagenen Weg überdenken und wieder etwas Neues machen. Nehmen wir zum Beispiel noch meine Software. Das Problem war, dass die Betreuung sehr intensiv war, also hätte ich im ganzen deutschsprachigen Raum rumfahren müssen. Da stand ich auch vor der Entscheidung, mache ich weiter damit oder lasse ich es? Ich hab´s gelassen.



Sie haben auch ein Buch geschrieben. Warum und worum geht´s?
ME:
Ja, „Die Energie der Harmonie“, „Lehne dich zurück und lass die Harmonie für dich arbeiten.“ Das Wichtigste einer Firma ist die Harmonie. Je stärker diese im Team, zu den Kunden und in jedem Handgriff gelebt wird, desto glücklicher und erfolgreicher ist diese. Dies ist auch mein Lebensmotto. Ich bin ein Perfektionist und lege in jede Arbeit 100% meiner Kreativität und Harmonie. Und irgendwie fällt mir dann alles einfach zu.

"Ich habe dann einen eigenen Buchverlag gegründet."



Sie das Buch geschrieben und sich dann an einen Verlag gewandt?
ME:
Ich habe von der Produktion des Buches bis zur Vermarktung alles selbst gemacht. Nur einen Lektor habe ich gebraucht. Große Firmen, Banken, Versicherungen, usw. haben das Buch als Geschenk für ihre Kunden bestellt. Als mich dann andere Autoren nach meiner Meinung und Hilfe gefragt haben, habe ich einen Buchverlag gegründet und helfe ihnen, ihre Werke zu vermarkten. Mit dem Vertrieb in den Buchhandlungen habe ich aber aufgehört, da der Verwaltungsaufwand zu groß geworden ist. Ich verschenke mein Buch gerne an unsere Kunden im Salon. Harmonie kann man nicht kaufen, diese bekommt man vom Leben geschenkt.

Herr Egger, Sie hätten ewig viel zu erzählen, aber ich nutze Ihren harmonischen Satz als Schlusswort! Vielen Dank für die interessanten Einblicke!


credits: : MARCEL EGGER STYLING&PHOTOART, EGGER3

Oktober 2017

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