Goran Ilic hatte alles und dann nichts
INTERVIEW

Goran Ilic hatte alles und dann nichts

In Serbien hatte er alles. Salon, Akademie, Großhandel, Akteurslaufbahn. Dann kam der Abschwung und ein starker Neubeginn.

Ein Gespräch mit Katja Ottiger

Fakten:

geboren, aufgewachsen und ausgebildet
seit 1990 Friseur
1 Salon Privatsalon FENIXIA in Wien, 1. Bezirk | 5 Mitarbeiter
3-facher Friseur-Weltmeister
Arbeiten für Shows und Fashion-Magazine
Akteur für Schwarzkopf, Goldwell, Subtil in Serbien



imSalon: Goran, du hast 2011 Wien als deine neue Heimat gewählt, weil …
GI:
… es in Serbien wirtschaftlich immer schwieriger wurde. Ich hatte einen Salon, einen Großhandel und eine Akademie. Aber es war nicht mehr lustig. Ich wollte weg, eigentlich nach Australien, aus privaten Gründen wurde es Austria.

Du warst in Serbien 20 Jahre lang selbstständig.
GI:
Ja, ich war mein halbes Leben lang selbstständig.

War es einfach hier einen Salon zu eröffnen?
GI:
Ich habe in der Innung Wien alle Informationen eingeholt. Und da ich einen serbischen Meisterbrief besitze, musste ich lediglich eine offizielle Arbeitsprüfung ablegen.

"Selbstständig ist selbstständig."



Ist es in Österreich komplizierter selbstständig zu sein, als in Serbien?
GI:
Nein. Selbstständig ist selbstständig.



Privatsalon FENIXIA: erster Bezirk, im zweiten Stock, ohne Auslage und neu in der Stadt, Kundschaft auf Termin. Wie hast du denn deine ersten Kunden gefunden?
GI:
Ich bin rausgegangen und habe in sämtlichen benachbarten Geschäften 20-Prozent-Gutscheine verteilt. So habe ich die Nachbarschaft kennen gelernt und erste Kunden bekommen. Sehr lange ging es nur über Mundpropaganda, später kam das Internet dazu, die Website, Facebook. Wir haben fast 4.500 Follower, auch aktiv durch Werbung auf Facebook unterstützt.

Der erste Bezirk ist für den Anfang schon mutig. Hattest du je Selbstzweifel?
GI:
Nein. (lacht)

Gibt es in Serbien das duale System?
GI:
Ja. Früher, in Jugoslawien, hat man entweder Damen- oder Herrenfriseur gelernt oder beides, so wie ich, an einer Medizinschule mit Fächern wie Anatomie, Kosmetologie, Psychologie, Dermatologie. Parallel dazu gab es die staatlichen Salons, in denen man gearbeitet hat. Jetzt gehst du in Serbien mit 15 Jahren in eine dreijährige Mittelschule, zweimal in der Woche und arbeitest in einem frei gewählten Salon, zum Schluss bekommst du ein Zertifikat, mit dem du auch einen Salon aufmachen könntest. Es gibt keine Meisterprüfung wie hier. Wenn man aber viele Wettbewerbe gewinnt und besonders erfolgreich arbeitet, kann man den Meisterbrief als Auszeichnung bekommen, so wie ich.

Als 1991 der Balkankonflikt begann, warst du mitten in der Ausbildung…
GI:
Ja, beim Kroatien-Konflikt war ich Lehrling, während des Kosovo-Krieges, als die NATO Serbien bombardierte, war ich mobilisiert, also eingerückt. Alle Männer waren das.

"Ich habe hinter verdunkelten Fenstern und bei Kerzenlicht Haare geschnitten."



Zu der Zeit warst du aber schon selbstständig. Wie bekommt man sein Geschäft durch den Krieg?
GI:
Der Salon war natürlich geschlossen, es machte ja auch keinen Sinn, es gab keinen Strom und kein Wasser. Am Wochenende bin ich nach Hause gefahren und habe hinter verdunkelten Fenstern bei Kerzenlicht Haare geschnitten. Wegen der Bombardements war es verboten, nachts Licht zu machen, deshalb hatten wir alles mit Decken verhängt.

Und nach dem Krieg konntest du wieder aufsperren?
GI:
Ja, es war alles noch da. Der Salon und die Kunden, die hatte ich mir ja in der Zeit des Krieges behalten und in dieser Zeit auch wirklich gut verdient. Aber nach dem Krieg wurde es schlimmer und schlimmer. Es war einfach kein Geld mehr da.

Du arbeitest seit 16 Jahren mit Subtil, einer französischen Marke. Warum?
GI:
Weil sie die absoluten Farbspezialisten sind. Unglaublich kräftige Farben, die lange halten und was für mich besonders wichtig ist, ich bekomme Weißblond ohne Probleme hin. Ich habe die Produkte in Serbien durch eine Kollegin kennengelernt und war auch im Akteursteam von Subtil.



Bei dir kann ich mir den Spliss abbrennen lassen, mit der brasilianischen Velaterapia-Methode. Wie geht das?
GI:
Die Haare werden gewaschen und getrocknet. Danach kommt meine eigens entwickelte Maske für ca. 30 Minuten auf die Haare. Wenn die Maske komplett eingezogen ist, die Haare trocken sind, werden sie gezwirbelt und die überstehenden mit der Flamme der Kerze verbrannt. Die Flamme öffnet die Cuticula und die Maske kann noch weiter in die Haare eindringen. Die Spitzen werden durch das Feuer verklebt, die Feuchtigkeit bleibt im Haar, deshalb schauen die Haare hinterher so glänzend aus.

Für wie lange hält das und was verlangst du dafür?
GI:
Das hält ca. 3-6 Monate und kostet wischen 150-300 Euro. 2 Stunden dauert die Behandlung.



Du bist dreifacher Weltmeister - würdest du andere für die WM trainieren?
GI:
Wenn Sie genug zahlen, ja. (lacht) Im Ernst, ich hatte Sandra Markovic für die WM trainiert, als mich die frühere Innungsmeisterin Karin Dopplinger darum bat, ob ich das tun würde. Aber das ist nicht rentabel. Vereinbart und gezahlt wurden 20 Stunden, im Endeffekt waren es um die 100.

Sandra ist jetzt deine Mitarbeiterin!
GI:
Ja.

Du bist sehr diszipliniert?
GI:
Nur beim Arbeiten.

Bist du streng?.
GI:
Zu streng.



Denkst du darüber nach, Lehrlinge auszubilden?
GI:
Ja, das ist eine Überlegung, um dadurch Mitarbeiter zu generieren.

"Genauso gut wie ich mit dem selben Anspruch."



Anforderungen an die Mitarbeiter?
GI:
(lacht): Dass sie genauso gut sind wie ich und denselben Anspruch haben.

Du magst ja Frauen mit Frisuren und bist Verfechter des perfekten Föhnens.
GI:
Ja, ich liebe frisierte Frauen!

"Kleine Passees, viel Kraft, keine Produkte."



Wie sieht föhnen bei dir aus?
GI:
Kleine Passees, viel Kraft, keine Produkte, maximal etwas Spray beim Finish. Und ganz wichtig, die Haare zu 150 Prozent heiß trocknen! Das dauert bei schulterlangem Haar zwischen 15 und 20 Minuten. Föhnen braucht Zeit, das ist für mich selbstverständlich.



Du bietest in Wien unter „Hairtower“ Schulungen und Seminare an. Auch Föhnen?
GI:
Föhnen derzeit noch nicht, in erster Linie Hochstecken und Farbschulungen.

Sind Farbschulungen nicht schwierig, wenn du mit einer wenig verbreiteten Marke arbeitest?
GI:
Unser Weg geht hier über gängige Farbtechniken, Balayage, Freihand, Ombre. Aber ja, wir nutzen es schon auch als Tool, um Subtil kennenlernen zu können.

Was magst du an deiner neuen Heimat Wien?
GI:
Mein Zuhause. Und Wien ist mein Zuhause.

Konntest du schon deutsch, als du herkamst?
GI:
Nein, ich habe geweint, weil ich nichts verstanden habe! Es wollte auch niemand mit mir englisch reden, obwohl sie mich schon verstanden haben. Ich habe also viel ferngeschaut, Freundschaften geschlossen und immer viel geredet, geredet, geredet …

... und beim Reden kommen d`Leut zam. Goran, ich danke dir für deine Zeit!


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www.hairtower.at
www.fenixia.at

credits:
Mit freundlicher Genehmigung von FENIXIA online und FENIXIA Facebook

November 2017

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