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Ist Make-up Sexistisch?
Aaron Leufen

Ist Make-up Sexistisch?

Als Geschäftsführer eines Betriebes, der Schönheit und gepflegtes Äußeres verkaufen möchte, sollte ich mir regelmäßig den Spiegel vors Gesicht halten und mich fragen, ob ich das auch nach außen darstelle - und natürlich auch meine Mitarbeiter.

Ein Gedankengang von Aaron Leufen

Gepflegte, frisierte Haare sind da eine Selbstverständlichkeit - den "Bad Hair Day" mal ausgenommen. Ich persönlich schätze bei Damen dezenten, unauffälligen "Aufhübscher", Eyeliner, Lippenstift. Passend, eben nicht übertrieben. Nur, wieso sehe ich sowas lieber als nackte, natürliche Haut? Stimmt etwas mit meiner Wahrnehmung nicht, sind denn Menschen nicht so schön, wie sie aussehen, ohne künstliche Hilfsmittel?

Meine Grundsatzfrage ist einfach:
Kann, darf und soll ich meine Kollegen und Mitarbeiter darauf hinweisen, Make-Up zu benutzen (müssen)?
Die Geschichte von Schminke ist so alt, wie das Bewusstsein des Begriffs der Schönheit. Selbst die Ägypter, und ich wette, sogar alle Hochkulturen davor, waren sich der Wirkung dieser kleinen Tricks bewusst, die der optischen Veränderung inne wohnt.
Während Ludwig XIV meinte, Wasser wäre Gift und sich mehr und mehr dem Wein hingab, erreichte das Pudern und Rüschen in Europa einen unrühmlichen Höhepunkt - da dürften die Herrschaften so derart zugekleistert gewesen sein, dass dem Ausspruch "Kalter Kaffee macht schön" eine neue Bedeutung beikommt - der Dampf von heißem Kaffee dürfte wohl dem einen oder anderen Adeligen das zweite Gesicht unabsichtlich entfernt haben...

Heute gibt es eine breite Bandbreite von Hilfsmitteln, die teilweise den Rahmen sprengen. Und der Markt boomt - 2.8 Milliarden € Umsatz in Deutschland im Jahr 2013 zeigen, dass Kosmetik ein riesiger Markt ist - Tendenz steigend. Stagnierend ist lediglich der Markt für Herrenkosmetik...

Natürlich sollten auch die negativen Effekte erwähnt werden.
Neben den anscheinend immer noch notwendigen Tierversuchen gibt es in manchen Schwellenländern einen unverständlichen Trend "weiß" zu sein ist. Gerade in Indien ist das derart "In", dass es kaum noch Produkte für die Schönheit ohne Bleichmittel gibt.
Henkel, L'Oréal und Co. sind sich auch nicht zu schade, ihre Werbesujets mit weißen Models zu schmücken - wobei ein Großteil dunkelhäutig ist. Das ist nicht mal eine Erfindung des modernen Marketings, sondern ein Ideal, das seit hunderten Jahren transportiert wird - übrigens in allen Kulturen.
Selbst in Europa gibt es genug "Hilfen" für einen blassen, makellosen Teint. Unverblümt wird hierzulande mit Reduktionsmitteln geworben, die auch in Haarfarben zu finden sind - gegen Hautflecken. Irgendwie habe ich das Gefühl, das bald wieder die Rede von dem einen oder anderen Melanom in die Medien schwappen wird...

Mir scheint, als wäre der perfekte Look bei Frauen diskussionslos mit Lippenstift, Teint und Rouge verbunden. Selbst Conchita Wurst hätte nie diese Wirkung, wenn der Bart ungefärbt und die Augen unbetont wären - sonst würde Conchita halt aussehen wie Tom - nur eben mit langen Haaren.

Ist also das Verlangen von Frauen nach Schminke rein eine Erfindung der Männerwelt? Gefällt uns der Anblick der ungeschminkten Frau nicht (mehr)? Medienpsychologen würden das sicherlich sekundieren - wenn wir nur das eine Idealbild sehen, werden wir dauerhaft manipuliert.

Kurzum, ich sehe in Make-Up genau das, was das Wort sagt. Aufbrezeln. Noch schöner machen. Optimieren. Trotzdem habe ich Bauchschmerzen dabei, einem Mitarbeiter oder meiner Kollegin zu sagen, mal einen Lippenstift zu benutzen. Denn das würde ja bedeuten, Sie wäre nicht schön genug. Ich hingegen sehe in jedem Menschen zuerst das Schöne. Alles andere ist da nur Fassade.

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Juli 2014

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